Ein pflaumengroßes Kontaktekzem

02.12.

Als ich meine Frau nach dem Heimkommen gierig auf den Mund küsse und in glühender sexueller Vorfreude (der dritte Freitag im Monat ist seit 1997 unser planmäßiger Koitus-Tag) ihre Pobacken umfasse, stimmt so einiges nicht: Ihr mysteriös verformter, irgendwie schiefer Mund ist dick mit schmierigem Lippenbalsam bedeckt. Einige vereinzelt stehende, borstige Barthaare stechen mich hart oberhalb der Lippen. Und es scheint mir so, als glitten meine keck übergriffigen Hände über die nirgendwo enden wollende Seitenwand einer halb aufgeblasenen Hüpfburg.

»Mama ist zu Besuch«, höre ich meine Frau irgendwo im Raum tonlos sagen.

Das kommt überraschend. Mama stößt mich brutal von sich. Ich falle rücklings über etwas Kleines, erbost Kläffendes. Ohne Zweifel muss es sich dabei um unseren Hund Schlaumeier handeln. Ebenso wie ein Hund, und zwar ein geprügelter, schleiche ich kurz darauf zum Bierholen die Treppen hinunter.

»Dieter, du brauchst ein Brille. Eigentlich schon seit Jahren. Was ist also zu tun? Ich sage es dir gern, du Idiot. Geh zum Augenarzt oder Optiker – und zwar umgehend!«

– So die vorerst letzten Worte meiner Frau. Nachdem ich versehentlich zuerst in den Müll- und dann Waschraum gelaufen bin, stehe ich nun auf dem Gehweg. Im grellen Sonnenlicht des Dezemberabends verschwimmt alles vor meinen Augen. Der Wind bläst in dieser Reihenhausschlucht aber stets zuverlässig von rechts. Wenn ich also hundertzwanzig Schritte mit dem Wind gehe und anschließend zweiundzwanzig nach links, müsste ich folgerichtig zu Edeka gelangen.

Bereits nach vierzig Schritten stürze ich jedoch über einen sperrigen Fremdkörper. »Mein neues BMX!«, höre ich eine jungenhafte Stimme gequält aufschreien. Jugendliche lachen. Eilig taumele ich davon, doch dann erreicht mich schon ein Bombardement aus Kastanien und halbleeren Bierflaschen. Jedenfalls fühlt und hört es sich so an. Edeka kann ich anschließend nicht mehr finden. Die Feuerwehr bringt mich irgendwann heim.

04.12.

»Mein lieber Scholli! Hyperopie und Myopie reichen sich freundschaftlich die Hand. – 4,0 Dioptrien, das ist aber schon eine Hausnummer. Ihre Augäpfel sind fast birnenförmig verformt, links sogar andeutungsweise bananig. Sie sind kurzsichtig und altersweitsichtig zugleich, trotz Ihrer zarten 47. Da brauchen Sie jetzt schleunigst eine Brille.«

So sprach vorhin mein Augenarzt Herr Schneimann – vielleicht war es aber auch seine Vertretung, Frau Dr. Buttner, was weiß denn ich. Auf jeden Fall geleitet beziehungsweise schleift mich nun die Sprechstundenhilfe zum Optiker.

Ob ich überhaupt so eine hochnotpeinliche Sehhilfe möchte, fragt mich niemand. Kontaktlinsen? Ums Verrecken werde ich mir nicht selbst ins Auge fassen. Und ich hasse Brillen! Als Kind trug ich für kurze Zeit ein solches Ding, wurde gehänselt und hatte bald ein pflaumengroßes Kontaktekzem, dort, wo das eiserne Sehgestell auf meiner unschuldigen Kindernase prangte. Wer eine Brille trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Ich will kein zerbrechlich anmutendes Vierauge sein, dem die Brille im Kaffeedampf beschlägt. Männer mit Brille wirken ausnahmslos wie Weicheier, auch wenn die Lügenpropaganda der Augenoptikerinnung gebetsmühlenartig das Gegenteilige behauptet. Trug Dschingis Khan etwa eine Brille? Oder Cassius Clay im Ring?

»Das ist doch alles Titte«, sagt der Optiker. »Ich habe doch auch eine Brille. Da stimmt irgendwas mit Ihrer Selbstwahrnehmung nicht.«

Ich will ihm für seine Frechheit einen Schwinger versetzen, doch ich höre, wie er mit seinem Drehstühlchen wegrollt, offenbar um die Probegläser aus dem Regal zu holen.

07.12.

Anderthalb Wochen soll ich auf die Brille warten. Dann wird ein dumpf mir im Gesicht prangender Fremdkörper der Welt beredt Zeugnis geben von meiner unheilbaren Augenerkrankung.

Als ich Schlaumeier zum Abstuhlen vor das Haus begleite (er kennt den Weg und zieht mich hinter sich her), erschnuppere ich gerade noch das betörende Parfüm einer mir entgegenkommenden Frau bevor ich in sie hineinrenne. Tanz auf dem Vulkan: In einer brisanten Gefühlsvermengung aus Fatalismus, Lebenshass und verzweifelter Geilheit der letzten Tage, in denen man mich als maskulines Wesen wahrnimmt und nicht als halb senilen, asexuellen Harry-Potter-Verschnitt, nutze ich ausgiebig die einmalige Gelegenheit, außerehelich ein Weib zu betasten, das nicht meine Schwiegermutter ist. Wo bekommt man in diesen lebensverneinenden MeToo-Zeiten denn noch etwas umsonst?

Alle Beteuerungen, mein Blindenhund hätte mich falsch geführt, fruchten danach aber nicht, und die Frau entpuppt sich ohnehin als unser langhaariger Nachbar Herr Yildirim. Sicherheitshalber verlasse ich die kommenden Tage nicht mehr das Bett.

17.12.

Nach dem Aufsetzen der Brille kann ich vor Schwindel kaum etwas sehen. Es ist eigentlich genauso wie vorher.

»Zuerst müssen sich die Augen doch an den neuen Umstand gewöhnen, Sie Jammerlappen, weinerlicher«, meint der Optiker.

Immerhin kann ich im Spiegel schon die Umrisse der Brille erkennen. Das pantherhaft schwarze Gestell dürfte mir tatsächlich eine Aura donnernder Maskulinität verleihen. Es ist ein Vintage-Modell. Leider steht auf beiden Bügeln auch in fetten, orangen Lettern »Vintage«. Bei Vintage-Design schreiben die Designer prinzipiell irgendwo »Vintage« oder »Vintage Paris« drauf. Als ich mich ob des störenden Details beschweren möchte, stopft mir der Optiker wortlos ein Brillenputztuch unter den Pulli und schiebt mich zur Tür.

Draußen wird es langsam klar um mich. Ich sehe deutlich, wie ganze Schulklassen vorüberschlurfen, deren Augen unbeirrt auf kleinen Bildschirmen lasten. Das müssen die Smarthandys sein, von denen überall gesprochen wird. In allen Straßen haben sie weiße Klötze mit Eigentumswohnungen hochgezogen. Die Schlecker-Filiale gibt es neuerdings nicht mehr. Viele Männer sehen aus wie eine Frau, die einen Weihnachtsmannbart trägt. In der Wohnung begrüßt mich Schlaumeier an der Tür. Ich staune, ich hatte ihn als Pudel in Erinnerung, tatsächlich handelt es sich aber um einen Dackel. In der Küche sitzt eine Fremde, die ausschaut wie eine ältliche, ziemlich korpulente Schwester meiner Gattin.

»Gar nicht mal so elegant, Dieter. Und ich sehe, ich habe jetzt einen Vintage-Ehemann«, sagt diese mit Blick auf meine Sehhilfe.

Augenblicklich erkenne ich meine Ehefrau an ihrer Gehässigkeit.

»Ich möchte nicht ungerecht erscheinen, aber du entsprichst optisch nicht mehr meinen Vorlieben«, will ich ihr erklären, doch ich gehe lieber zuerst ins Bad und schaue in den Spiegel. Ich stelle fest, dass auch ich keineswegs mehr meinen optischen Vorlieben entspreche. Ich sehe aus wie der teigige Adoptivsohn von Woody Allen und Jürgen Klopp. Mein Schnauzbart ist gelblich verfärbt, obwohl ich nicht rauche und auch niemals die Absicht hatte, einen Schnauzbart zu tragen.

Ich weine ein Weilchen, doch dann rasiere ich mir den Schnauzer ab und gehe zurück in die Küche. Meine Frau reicht mir einen Pott dampfenden Kaffees. Sofort beschlagen meine Gläser.

»Wenn du diese Brille aufhast, siehst du glatt zehn Jahre älter aus«, meint sie. »Du aber leider auch«, antworte ich. Ich lege die Brille zur Seite, und die Welt ist vorerst wieder in Ordnung. Sie nimmt mich an die Hand, damit ich ins Schlafzimmer finde, und wir machen Liebe, dass es kracht.

»Ein pflaumengroßes Kontaktekzem«, erschienen in Eulenspiegel 12/19. Anmerkung: Ich trage weder Brille noch Kontaktlinsen, kann aber beinahe jedes menschliche Elend nachempfinden.

Links, zwo, drei, vier (vier Links zu Rock-Hard-Texten von mir)

https://www.rockhard.de/reviews/raspberry-bulbs-before-the-age-of-mirrors_509786.html

https://www.rockhard.de/artikel/metaller-unterspezies_-typenlehre-1_134054.html

https://www.rockhard.de/artikel/metaller-unterspezies_-typenlehre-3_135616.html

https://www.rockhard.de/artikel/neues-vom-grottenolm-zwischen-titte-und-raute-der-true-metaller_453758.html

Kinskischrauben und schonungslose Authentizität

Kinskischrauben und schonungslose Authentizität

Unterm Strich super

Superhelden – für die einen der Inbegriff der Coolness, für andere spinnerte Ausgeburten einer US-Unterhaltungsindustrie im Überbietungswahn. Doch wer sind schon die Avengers, Super- und Aquaman in ihrer niederschmetternden Mittelmäßigkeit gegen den mächtigen Megaloman, größter Superheld aller Zeiten, der uns hier erstmals imponierende Einblicke in seinen Superalltag gewährt.

17.07.

Endlich fliegen sie die Models ein. Der Helikopter weht Sand auf die Treppen vor dem Schlossportal. Ausdrücklich hatte es ja auch Landeplatz drei geheißen, nicht zwei. Im Nu erscheinen vierzig Bedienstete mit Besen und Reinigungsmaschinen, um mir den Anblick der versandeten Stufen nicht länger als nötig zuzumuten.

Ein Routinetag liegt hinter mir. Ich habe den Nahostkonflikt gelöst, Iron Man beim Entrümpeln seiner Garage geholfen, mir aber auch, als ich das Nordmeer vom Plastik befreite, einen Superschnupfen eingefangen.

Der Anblick der bestbezahlten Supermodels der Welt – karge Hüften, leichte Schatten unter den Augen – ist jedoch überhaupt nicht super und setzt meinem wohlverdienten Superhelden-Feierabend endgültig die Kackekrone auf. Mein resignativer Seufzer ist bis zu den Luftschiff-Hangars zu hören, doch die Frauen weinen bei meinem herrlichen Anblick vor Glück, und ich denke, für die eine Nacht wird es schon irgendwie gehen.

18.07.

Frühstück mit dem Papst auf den Südterrassen. Die Sommerhitze bollert bereits. Da ich außer dem Megaloman-Umhang nur eine Unterhose trage, ist es aber auszuhalten.

Der Papst leidet unter seiner Soutane. Schweißtropfen rinnen unter seinem Scheitelkäppchen hervor, fallen auf sein Honig-Croissant. Es ist bereits sein fünftes, und wir sprechen hier von supergroßen Croissants. Im Pool-Paradiesgarten fühlt er sich in seinem Ungetüm von Badehose, das ihm fast bis zu den Knien reicht, wohler. Seine Begleiter, einige Kurienkardinäle, jauchzen im Nichtschwimmerbecken.

»Ich muss ein ernstes Wort an dich richten, mein Sohn«, blickt er mich nach seinem dritten Caipirinha eindringlich an. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Unklar, ob vom Rauch seiner Havanna oder vor Betroffenheit. »Ich sage dir was, die Beinahe-Einäscherung Notre-Dames, das war kein braver, rauchender Bauarbeiter oder beherzter Islamist. Da steht eine andere, gewaltige Kraft dahinter!«

»Etwa der Antichrist?«, raune ich.

»Nein, mit Sicherheit noch weit gerissener!« Bedeutungsschwanger kippt er seinen Doornkaat hinunter, und ich habe etwas zum Nachdenken.

20.07.

Mein privater Superhochgeschwindigkeitszug wartet bereits. Es ist eine holprige Fahrt, weil die Angehörigen einer neuen religiösen Bewegung, die mich mythisch verehrt, die unangenehme Angewohnheit haben, sich in Scharen demütig vor meinen Zug zu werfen. Bei dem Gewackel kann ich die SMS der Bundeskanzlerin kaum lesen. Ich verfluche meine Supertechniker und ihre Unfähigkeit, die Federung zu verbessern.

»Sie müssen helfen, Herr Megaloman, schauen Sie sich den Schlamassel an!« Angela Merkel empfängt mich mit festem Händedruck. Wir stehen auf dem Alexanderplatz inmitten eines Gewusels aus Polizei, Feuerwehr und Räumtrupps. Der Fernsehturm ist in der Mitte abgeknickt und hat das Rote Rathaus unter sich begraben. Zehn Meter hoch türmen sich die Leichensäcke. »Glücklicherweise fast ausschließlich Touristen«, sagt der Polizeipräsident.

Sobald die Menschen mich erblicken, jubeln zwischen den staubigen Trümmern die Massen. Als sich meine gleißende Bauchmuskulatur in vollem Umfang unter meinem Superheldenhemd abzeichnet, stöhnt die Verteidigungsministerin gequält auf vor sexueller Anspannung. Ihr bricht der Schweiß aus, und ich muss an den schwitzenden Papst denken und an Notre-Dame, wodurch sich in superluminarer Geschwindigkeit die Neuronen in meinem Hochleistungshirn zu einer Supererkenntnis vertäuen: »Eine finstere Macht verübt Anschläge auf die bedeutendsten Bauwerke Europas. Das ist unverantwortlich und auch gefährlich!«

Ich genieße die Staunemünder, doch dann steuert ein strahlender Hotdog-Verkäufer auf uns zu, der Merkel und mir offenbar eine Freiwurst auszugeben gedenkt. Die Kanzlerin blickt verzückt, während ich mit flatterndem Umhang unverzüglich das Weite suche.

21.07.

Jemand hat die Tower Bridge in die Seine (nicht die Themse!) gestürzt und das Atomium in Brüssel atomisiert. »Was tut Megaloman?«, klagen die Medien weinerlich. Antwort: Ich bleibe im Bett, blättere in der Superillu und kuriere endlich den fürchterlichen Schnupfen aus.

22.07.

Ist es mein Erzfeind Spekulantor, der die Gebäude zunichtemacht, um auf dem gewonnenen Baugrund seine »Mikro-Apartment-Schmuckstücke« für 7000 pro Quadratmeter verhökern zu können? Es ist aber ein Ding der Unmöglichkeit, beim Mittagessen über diese rätselhafte Anschlagsserie zu sinnieren, während mich Scarlett Johansson und Natalie Portman abwechselnd mit ihren Heiratsanträgen terrorisieren. Irgendwann renne ich, mir die Ohren zuhaltend, schreiend weg, um superangepisst alle bolivianischen Drogenkartelle zu zerschlagen.

23.07.

Heute hat es Rom getroffen: Das Kolosseum ist nur mehr eine Ruine! Kurzentschlossen lasse ich mich in meiner Mars-Rakete rüberschießen, lande aber, da meine Techniker allesamt Superversager sind, mit einem Riesenplatsch im Trevi-Brunnen. Die Frauen und etliche Männer kreischen verzückt, als ich in meinen nassen, superengen Leggings dem Wasser entsteige. Scherzhaft spanne ich die Gesäßmuskulatur steinhart an. Viele sinken zu Boden, als eine gnädige Ohnmacht sie aus ihrer schmerzlichen Lust erlöst.

Im Kolosseum muss ich feststellen, dass vom äußeren Ring der monumentalen, viergeschossigen Fassade nur noch die nördliche Hälfte erhalten ist. Wer tut so etwas Entsetzliches?

»Ich war es!«, ruft da einer von den obersten Rängen in die ruinöse Kulisse.

Der Papst! Ich hatte es geahnt.

»Warum all die Zerstörung, all die Toten, Heiliger Vater?«

»Die Leute sollen in die Kirche gehen und nicht dämliche Fernsehtürme betrachten. Und wenn ich sie reihenweise massakriere, gehen sie wieder in die Kirche, um dafür zu beten, dass es andere erwischt und nicht sie selbst. Ich meine es nur gut mit den Menschen.«

»Aha.« Das ist immerhin von zwingender Superbösewicht-Logik. »Aber weshalb dann auch die Kirche Notre-Dame?«

»Das war ich ja gar nicht. Das war nur ein dämlicher Bauarbeiter.«

»Und warum nur Bauwerke Europas?«

»Ich denke eurozentrisch.«

Das macht durchaus irgendwie Sinn. »Aber Sie wissen schon, Heiliger Vater, dass ich gegen Sie nun volles Rohr Karate einsetzen muss? Dies ist meine heilige Superheldenpflicht.«

»Ich werd dir was mit heilig!« Ein Wink, und seine Kurienkardinäle stürmen zähnefletschend in Titan-Exoskelett-Kampfanzügen die Arena. In ihrer Mitte schwingt mein Erzfeind Spekulantor (ich wusste es!) eine Lavapeitsche, die mich zerpeitschen kann wie Butter. Zu allem Übel bewirft mich der Papst frohlockend von oben herab mit Röstzwiebeln. Augenblicklich schwinden meine Kräfte. Was für Superman das Kryptonit, sind für mich nämlich – das hätte ich vorher vielleicht schon mal erwähnen sollen – Röstzwiebeln (daher auch die Flucht vor dem Hotdog-Verkäufer in Berlin).

Der Kampf ist lang und brutal, kann hier aber aus Platzgründen und mit Rücksicht auf die sozialethische Orientierung Minderjähriger keineswegs wiedergegeben werden. Auf jeden Fall habe ich den Papst danach nie wieder zum Frühstück eingeladen.

»Unterm Strich super«, erschienen in Eulenspiegel 7/19. Foto: alter Schnappschuss meiner Wenigkeit.

Der Fluch der Frühlingsrolle

»Glutamat immel köstlich, Glutamat stets leckel!«, ruft Wang Dong fröhlich nickend zu uns herüber, als er die in Sojasoße ertränkte Ente kräftig nachwürzt. Wang verfügt durchaus über ein R – stattlich wie einst das von Gründgens am Preußischen Staatstheater –, aber er versucht, mit dieser L-Nummer possierlich-harmlos zu wirken, um uns in Sicherheit zu wiegen.

»Ein unerbittlicher Geschäftsmann. Die Chinesen-Mafia zahlt ihm Schutzgeld und nicht umgekehrt«, raunt Herr Kaiser. »Wang wird nicht Ruhe geben, bevor er hier im Center die Leichen der gesamten Konkurrenz in seinen matschigen Frühlingsrollen verarbeitet hat. Wir müssen uns gegen diesen asiatischen Aggressor mit bestialischer Rücksichtslosigkeit behaupten, oder wir können unseren Laden bald dichtmachen!«

Augenblicklich laufen die Geschäfte aber bestens: Die nächste Ladung Kundschaft poltert herein. Sie fallen über ihre prallen Einkaufstüten. Bei Primark ist Aktionswoche: Wintermäntel für acht Euro. Da müssen sie in Myanmar auch in den Kindergärten ran, aber von nichts kommt nichts.

In der Etage unter uns gibt es die Billig-Klamotten, wir servieren das passende Essen dazu. Und der Chef will hoch hinaus! Er hat hübsch geerbt, zwei Jahre bei McDonald’s abgerissen, »zur Inspiration«, um dann unvermittelt zum Angriff überzugehen: Mittlerweile gibt es neben unserer noch zwei weitere Filialen von »Burger Kaiser«. Gewiss, nur eine Kopie des Globalisierungs-Einheitsmampfes, aber reell im Geschmack, nicht sofort tödlich, und wenn der Kunde zwischen Mayo und Salatcreme wählen darf, hat er das Gefühl, er sei Individualist.

Ein seltsamer Mann steht vor mir. Unter einem gewaltigen Afro, dreimal größer als in der gewagtesten 70er-Blaxploitation, trägt er flächendeckend so dick schwarze Schuhcreme im Gesicht, dass sich an seinen Ohrläppchen Farbnasen gebildet haben.

»Möchte bitte Anstellung machen hier. Kaiser Burger gut! Ich fleißig Arbeiter, kann hart ran ganze Uhr. Muss nie schlafen. Machen auch Probejahr umsonst für euch, bitteschön«, spricht er mit festem Blick seiner strahlend blauen Augen. Es ist schon wieder Günter Wallraff, er versucht es bei uns jeden Tag.

»Nein, absolut nein, wir haben Einstellungstopp!«, sage ich mit fester Stimme. Ein kurzes, lauerndes Nicken, und er dampft wortlos ab. Wegen der Gerüchte um die Arbeits- und Hygienezustände bei Kaiser Burger, ist uns der legendäre Enthüllungsjournalist auf der Spur. Mit allen Mitteln will er in unser Allerheiligstes vordringen: die Küche.

»Tolle Maskerade, großartiger Kerl!«, sagt Herr Kaiser. Ja, wir verehren diesen Mann und seine Hartnäckigkeit, aber selbstverständlich darf er ums Verrecken nicht in die Küche gelangen. Die meisten Angestellten schlafen, leben, lieben schließlich dort, da ihre wenigen Freistunden ein Zuhause ohnehin entbehrlich machen. Mittlerweile sind wir auch Ausbildungsbetrieb. Lehrlinge nehmen wir als volle Arbeitskräfte ohne Überstundenentlohnung knallhart ran, das ist die natürliche Auslese – Systemgastronomie ist Krieg.

Eine Woche später.

Zusehends entblättert sich Herrn Wangs grausame Asia-Fratze. Gerade noch servil mit dem Glutamatstreuer um die Kundschaft herumscharwenzelnd, ist er dem Chef gegenüber mit aggressiv artikuliertem R sehr unschön geworden: »Ich weiß, wie Sie Ihre Angestellten behandeln. Sie schlafen sogar in der Küche. Das ist unhygienisch, und Ihr Essen ist scheußlich, es stinkt und vergrätzt unsere Kundschaft.«

Dabei schläft man auch bei Wang Dong am Herd, mir kann er nichts vormachen. Nachts höre ich – meine Matratze liegt direkt an der Wand zu seiner Tofu-Spelunke – seine Kinder und Großeltern weinen. Eben ein »Familienbetrieb«, wie seine Reklametafel verkündet. Zugegeben: Die hygienischen Zustände sind bei uns sicher nicht ideal, besonders der Schimmel ist hartnäckig, aber Herr Kaiser flüsterte erst letztens: »Der menschliche Körper kann was ab. Wir vertrauen auf die Selbstheilungskräfte des Kunden.« Wahrlich kein übler Mensch, der Chef. Er verteilt sogar umsonst Vitamin-D-Tabletten an die Belegschaft, die ja nie an die Sonne kommt. An mir hatte er sofort einen Narren gefressen und mich glatt zu seinem Vize gemacht, mit 0,00003 Prozent Umsatzbeteiligung. Für mich ist das Gedeihen von Kaiser Burger dadurch Mission und Auftrag.

Wallraff stellt sich heute als Teenager vor, der ein Praktikum machen will. Triumph der Maskenbildnerkunst: Der 76-Jährige sieht aus wie ein Endsechziger, doch den Heranwachsenden nehme ich ihm, trotz seines Skateboards unterm Arm, nicht ab. Er trollt sich schweigend.

Einen Monat später.

»Diese McDonald’s-Aasverwerter und Subway-Saubeutel sehen auf der Straße des Erfolgs bald nur noch unsere Rücklichter. Das Kaiser-Burger-Imperium stürmt voran!« Manchmal muss ich den Chef in seinem Enthusiasmus etwas bremsen. Aber der Erfolg gibt ihm recht, der Laden brummt, und nicht allein wegen der Käfer-Kolonie im Salatkühler. Etwaige Widerstände lässt dieser unbeirrbare Willensmensch ohnehin nicht gelten. Er hat auch die kurdische Fritteusenkraft dazu bewegen können, in der Küche zu entbinden, damit sie nicht zu lange blau macht. Eine schöne Abwechslung für die Belegschaft, und sie und ihr Mann haben danach zwei Stunden frei bekommen.

Wang nennt seinen Laden neuerdings »Fu King – Asia-Döner-Hähnchen-Paradies« und hat Döner süß-sauer auf der Karte. Die Türken gegenüber werden allmählich nervös. Nach der Schule wetzen die Bälger direkt zu Primark, kleiden sich mit ihren zehn Euro Taschengeld für den nächsten Monat komplett neu ein (länger halten die Nähte ohnehin nicht) und fallen dann vor Gier schreiend über unsere Fritten und Wangs Asia-Pfanne her. Alle anderen Anbieter haben das Nachsehen.

Mit einem Schwung Sechstklässler kommt heute auch ihr Lehrer ins Restaurant. Die Kinder behandeln ihn jedoch mit verräterischem Respekt, beschimpfen ihn kaum – ergo kann es unmöglich ihr Lehrer sein. Ich zeige Wallraff schweigend die Tür.

Armageddon.

Die Azubis weinen verzweifelt. In einer fatalen Verkettung kataklysmischer Ereignisse sind nach einem rätselhaften Stromausfall nacheinander Eiswürfelmaschine, Räucherpistole und Zwiebelhäcksler kollabiert. Die nicht mehr abzufertigenden Massen drängen von außen brutal nach, drohen die Theke einzudrücken. Sie beginnen, die ausliegenden Ketchup- und Mayo-Tütchen zu plündern, quetschen sich die Inhalte in ihre vom Hunger sauer stinkenden Mäuler. Dann Jubel: Ein Techniker im Overall bahnt sich unerschrocken seinen Weg durch den randalierenden Abschaum. Ich höre Kaiser noch hysterisch flüstern: »Haltet diesen Mann auf!«, doch es ist zu spät – Wallraff stürzt sich mit Pipetten, Laborflaschen, Mikroskop, Kameras, Pauspapier und Notizblöcken in unsere Küche …

Eine Woche später ist Kaiser Burger Gastronomie-Geschichte. Unser ehemaliges Personal wird, von Ärzten und Psychologen betreut, allmählich wieder ans Tageslicht gewöhnt. Herr Kaiser und ich arbeiten jetzt mit großem Elan und tragbaren Fritteusen vor den Bäuchen für Herrn Wang als mobile Frühlingsrollen-Verkäufer hinterm Bahnhof. Wir machen das aber selbstredend nur so lange, bis wir das Geld für die Currywurstbude zusammen haben.

„Der Fluch der Frühlingsrolle“, erschienen in Eulenspiegel 4/19.

Sommer, Sonne und saugende Sandschlünde

Bestes Wetter bei 30 Grad im Schatten und endlich Urlaub! Was gibt es da Schöneres, als die Vorhänge zuzuziehen und den Fernseher anzuschalten. Wir haben die besten Sommerfilme für Sie getestet:

Der weiße Hai   

Sommersonne, aufgewühltes Meer, anregende Wasserspiele zu dritt. Dennoch kann das dröge Sequel zum Klassiker Drei Mann in einem Boot nur als unterirdischer Hetzfilm gegen den Weißen Hai gelten, jenen genügsam-gelehrig verspielten Meeressäuger, der sich längst in der Therapie und Ausmerzung erkrankter Menschen bewährt hat. Veit Harlans Film ist nicht zuletzt wegen seiner fadenscheinigen Haipuppen-Effekte späteren Haisommer-Produktionen wie Hai-Alarm auf Mallorca oder Mega Shark vs. Crocosaurus weit unterlegen.  4,6 (mangelhaft)

Lawrence von Arabien

In der glühenden Einöde der Wüste Nefud stehen die Zeichen auf Sommer, Sonne und Krieg! Es sind die seligen Tage, als Araber und Türken noch nicht den Hip-Hop für sich entdeckt haben. Der knapp 18-stündige Film, in dem Frauen im wahrsten Sinne keine Rolle spielen, appelliert jedoch ausschließlich an den Gefühlshaushalt eines schwulen Publikums und dessen verstohlenem Wunsch nach einer frauenfreien Welt. Der Held ist ein, seine Neigungen kaum verschleiernder, Homofürst der Wüste, hinzu kommt eindeutigste Symbolik: Wenn ein jugendlicher Begleiter Lawrence‘ im Treibsand versinkt, versinnbildlicht der saugende, rosettenhafte Sandschlund die unersättlich fordernde Sexualität des homosexuellen Mannes. 2,3 (okay)

Sunshine Reggae auf Ibiza

Werner Herzogs Familienfilm scheint zur ethischen Orientierung eher geeignet. Im Jahr nach seiner Screwball-Comedy Fitzcarraldo engagierte Herzog nicht erneut den randalierenden Rammler Kinski, sondern Suff-Charmeur Karl Dall, den Herzog jeden Morgen mit vorgehaltener Flinte aus dessen Stammpinte zum Dreh abholte. Herzog rühmt sich noch heute der Leistung, ohne Seilzüge oder Zuhilfenahme der indigenen Ibizenker Bea Fiedlers sommerlich gebräunte Brüste („Eine wichtige Metapher, ich weiß nur nicht, wofür.“) immer wieder aufs Neue ins Bild gehievt zu haben. Wir finden, diese können sich so gut sehen lassen wie der ganze Film!  1,3 (prall)

Kinderarzt Dr. Fröhlich

Das ersehnte Schlagerfilm-Sommervergnügen entpuppt sich schnell als Filmmauke der Güteklasse a-Moll, verfinstert von den kataklysmischen Schatten eines unglücklichen Roy Black, der, zur Schnulze verdammt, bekanntlich lieber alles in Grund und Boden heavyrocken wollte. Stimmt er in einer Kirche nihilistisch das Ave Maria an, konterkarieren dabei seine bebenden Lider und zitternden Lenden und geben Zeugnis von der Sehnsucht, schwedischen Death Metal machen zu dürfen. Volker Schlöndorffs Film bleibt demgemäß unter seinen großen Möglichkeiten; der stets diesige Himmel könnte allerdings dem verschmutzten Bild der uns vorliegenden Raubkopie geschuldet sein. 5,1 (oll)

Das Traumschiff

Wer seinen eher elitären Unterhaltungsansprüchen Genugtuung verschaffen möchte, liegt hier richtig. Alle 81 Episoden an einem Wochenende genossen (wobei freilich mehrere DVD-Player parallel laufen müssen), gerinnen zum unvergesslichen Erlebnis. In der dekadenten Untergangsstimmung Blankeneser Seniorenheime werden danach oft sogar noch die 27 Folgen des kongenialen Traumschiff-Ablegers Kreuzfahrt ins Glück nachgelegt. 2,2 (toll)

Dirty Dancing

Die Fortsetzung von Ein Walzer mit Dir (Deutschland, 1943) kennen wir nur wegen der tranigen Dialogfetzen, die, neben ekstatischem Weibergeschrei, sommers aus der Prosecco-Hölle eines Frauenabends im Open-Air-Kino dringen, und von unserer Blu-ray-Sammlung. Ein alle Oberflächenreize bedienender Tanzporno, zu dem musikalischer Handkäse wie She‘s Like the Wind gereicht wird. Für die darstellerische Leistung wurde der Hauptdarsteller mit dem frühen Tod bestraft, die Aufführung ist im Islamischen Staat zu Recht verboten. 1,0 (ausgezeichnet)

„Sommer, Sonne und saugende Sandschlünde“ – Der Herbst ist eingekehrt, aber hier noch dieser sommerliche Beitrag aus Eulenspiegel 8/18.

Link…

zum Text „Ein ganz gewöhnlicher schmutziger alter Mann“, erschienen in 07 Das Magazin Gera & Region,  Ausgabe 2/2016.

https://issuu.com/07dasmagazinstadtland/docs/07-magazin_11_februar-2016/33

Zu Füßen der Metal-Milf (Lost in Wacken)

Seit meinem vierten Lebensjahr bin ich der Berliner Metal-Szene unterwegs. In den letzten Jahren ist sie leider ein wenig vor die Hunde gekommen: Das vom Sänger feierlich rausgekeifte Lied „Fistfucking God´s Ugly Planet“ lädt zu Bosheit, Unzucht, Populismus und sogar zum Verzehr glutenhaltiger Brötchen ein. Styling-Akzente setzt der Bassist – er ist nur mit einem gestürzten Kreuz aus zwei Zaunlatten bekleidet.

Das verwöhnte, übersättigte Großstadtpublikum schläft derweil im Stehen. Nur einmal kommt Bewegung in die Menge, als sich einer nach seinen Autoschlüsseln bückt. Wegen der Eigentumswohnungen zwei Häuser weiter darf die Zimmerlautstärke nicht überschritten werden, dem Drummer wurden vorsorglich alle Felle aus dem Schlagzeug entfernt. Um Punkt 20 Uhr zerschlägt das Ordnungsamt mit einem Nothammer das Mischpult der PA-Anlage und veranlasst die Sicherheitsverwahrung des Tontechnikers. Konzertende.

Schon vor Jahren begriff ich: Wer etwas erleben will, muss dem großstädtischen Tran entkommen. Raus auf eines der gut und gern 6000 Metal-Festivals auf deutschen Äckern und Weiden, wo ausgehungertes Landvolk und von allen Ketten befreite Städter mal ordentlich die Sau melken wollen.

Mein erstes war aber dann gleich ein Schuss in den Ofen, denn es fand überraschend in einer blank gebohnerten Turnhalle statt; Schilder verwiesen auf die Brandenburgische Kommunalverfassung, die Unbefugten das Berühren der Turngeräte untersagte. Es war ein Festival für Progressive-Metal-Fans, und diese mögen Open Air und generell Wetter nicht. Bei den stets kurzhaarigen Anhängern des spielerisch anspruchsvollsten Metal-Untergenres gilt ein bedächtiges Wackeldackelnicken als Ausdruck musikalischer Ekstase. Das Publikum besteht ausschließlich aus Systemadministratoren mit abgebrochenem Mathematikstudium, und nach dem zweiten Bier sagen sie ernst: „Nun ist´s genug, ich muss ja morgen mit dem Auto zurück.“

Viel mehr nach meinem Geschmack war ein Underground-Festival für Black Metal auf der Kuhweide eines geschäftstüchtigen Bauern inmitten eines brandenburgischen Dorfes. Die Einheimischen hatten eine Ahnung, was auf sie zukommen würde und versuchten verzweifelt, die Brücke, die den einzigen Zugang zum Ort darstellte, zu sprengen. Unter lauten Banzai-Rufen gelang es jedoch einer Vorhut japanischer Fans, die Sprengsätze pinkelnd unschädlich zu machen – die Party konnte steigen. Die Kühe des Bauern lagen dann alle nacheinander auf dem Grill. Ich zog meine mitgebrachte vegane Bratwurst aus Lupineneiweiß vor. Es war laut wie auf einer Presslufthämmermesse, ein herrliches Festival. Die Dorfbewohner hatten sich mit ihren Hühnern und Schweinen in den Scheunen und ihren Trockenklos auf den Höfen verbarrikadiert. Einige Neubauten (ein Jahrhunderthochwasser hatte den Leuten sagenhaften Wohlstand gebracht) sackten in sich zusammen, nur die DDR-Eigenheim-Classics EW58 und EW65B hielten dem Getöse der diabolischen Blocksberg-Rhythmen stand.

Zu vorgerückter Stunde bot mir eine verdammt attraktive Endzwanzigerin einen Platz in ihrem Zelt an. Nach dem Vorspiel entpuppte sie sich jedoch als ein 50-jähriger Seniorenpfleger aus Hamburg. Es war schwer, aus der Nummer wieder rauszukommen. Ich bettete mich aber dann im Nieselregen auf eine Europalette hinter einen einschläfernd tuckernden Stromgenerator. Gar nicht so unkommod, aber alle paar Minuten musste ich, wenn sich im Dunkeln einer wankend mit bereits herausgefriemeltem Hosenwurm näherte, brüllen: „Hier nicht, mach hinterm Wurststand!“

Hundertzwanzig Festivalbesuche später war ich bereit: Einmal im Leben muss es Wacken sein, ob man nun will oder ums Verrecken nicht. Das durchkommerzialisierte Mekka der Hartwurst-Jünger, neunzigtausend HeadbangerInnen aus Hannover, Hameln und Hanoi. Ekstatischer ging es bislang nur auf den CSU-Parteitagen unter Strauß zu.

Als ich in Wacken eintraf, hatten die Einwohner in ihren Vorgärten hingebungsvoll aus Bierdosen die Pyramiden von Gizeh errichtet. Das vorbeidefilierende Metalvolk war gerührt. Viele trugen Festivalbändchen bis zum Ellenbogen und sahen aus wie Wolle Petry mit seinen Freundschaftsbändchen, nur nicht so prollig. Fotografen der Nachrichtenmagazine prügelten sich um die besten Plätze. Die meisten Fans wurden gnadenlos aus dem Bild geschubst. Nur wer zum pinken Wikingerhelm eine mit Filzstift bekrakelte Plauze trug, kam für die jährlichen Wacken-Fotostrecken in Frage. Auf dem Festivalgelände waren zu den gewohnten Attraktionen, wie dem bayerischen Biergarten und dem Mad-Max-Wasteland, ein Zentrum für Schwangerschaftsgymnastik, vier Baumärkte und ein Endzeit-Legoland hinzugekommen. Man konnte in drei Tagen seinen Führerschein oder ein Altenpflege-Diplom machen, Reisebüros boten Metal-Kreuzfahrten durch Venedig an.

Zeitgleich spielten immer bis zu acht Bands gegeneinander an. Am Nachmittag trat eine italienische Fantasy-Power-Metal-Band mit Unterstützung der Prager Symphoniker auf. Nebenan toste eine Brutal-Death-Combo aus Milwaukee mit Krokodil am Mikro. Sie wurden souverän übertönt von der auf der True Metal Stage rockenden Schwermetall-Milf Doro, der zwanzigtausend ihrer schnauzbärtigen Anhänger huldigten.
Ich geriet versehentlich ins Sound-Bermudaachteck, wo viele bereits ohnmächtig im Schlamm lagen. Hastig flüchtete ich mich in jenes Konzertzelt, welches eigens für Bands errichtet worden war, die Wacken wegen der ganzen Kommerzkacke verachteten. Als sich gerade eine indonesische Grindcore-Band flankiert von der Wacken-Firefighters-Feuerwehrkapelle in Wallung spielte, wurde ich von einem 160-Kilo-Stagediver am Kopf touchiert.

Ich erwachte in einem der Festival-Rollstühle. Man hatte mir wegen des Hörsturzes freundlicherweise eine Infusion gelegt, und irgendjemand fuhr mich durch die Massen zum Ozzy-Osbourne-Auftritt. Einige Fans hatten die neu verlegte unterirdische Bier-Pipeline angebohrt. In den spiegelnden Bierpfützen glaubte ich in meiner Benommenheit zu erkennen, dass Karl-Theodor zu Guttenberg im akkurat gebügelten AC/DC-Shirt meinen Rollstuhl schob. Als Ozzys Frau Sharon ihren schon fortgeschritten klapprigen Prince of Darkness (die Szene ist in die Jahre gekommen) unter dem Jubel Zehntausender auf die Black Stage verfrachtete, wurde mir abermals schwarz vor Augen.

Ich kam in einem Krankentransporter auf der A24 kurz vor Berlin wieder zu mir, aus dem Autoradio dröhnten Black Sabbath. Sharon hatte mir „Get well soon, you sucker!“ mit Edding quer übers Gesicht geschrieben. Ich beschloss, es nie wieder zu waschen und zählte bereits die Tage bis zum nächsten Wacken!

— „Zu Füßen der Metal-Milf (Lost in Wacken)“,  erschienen in Eulenspiegel 8/17.

Mit dem Alten Elbtunnel als Megafon

In der Ausgabe vom April 2014 veröffentlichte das Rock Hard diesen Leserbrief von mir, infolgedessen ich – nach kurzem Mailaustausch – Kolumnist beim RH wurde.imag4516devourment

Gestraffte Epidermis im Posingslip

„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“, dichtete 1863 Georg Herwegh für das deutsche Proletariat. Des Klassenkampfes ist man jedoch müde geworden. Nicht allein beim Proletariat, auch beim Prekariat ist das edle Bedürfnis erloschen, über einen starken, formschönen, bindegewebsfesten Arm mit ästhetisch gestraffter Epidermis zu verfügen. Ich jedoch, Prekarier der Oberschicht, ging lange Zeit dorthin, wo sich das Schicksal des Mannes erfüllt: zum Bodybuilding. In ein richtiges Studio, wo man sich der Maxime „No pain, no gain!“ mit Schweiß und Schmerz und (nach innen geweinten) Tränen verschrieben hatte.

Dort traf ich auf Edgar. Edgar, 34, trainierte dreimal am Tag drei Stunden, um sich auf die Berliner Meisterschaften der göttlichsten Männerkörper vorzubereiten. Seine Trapezmuskeln standen hoch bis zu den Ohren, seine Oberarme glichen denen eines hyperboreischen Gladiatorenschulleiters. Der Schatten, den seine machtvolle Brustmuskulatur warf, kaschierte locker seine fortgeschrittene Hodenatrophie. Er ernährte sich streng „Low Carb“, zuletzt hatte er im Jahr 1988 Kohlenhydrate gegessen: ein halbes Stück seiner Hochzeitstorte. Seine Ehefrau hatte ihn nur kurz auf seinem Wege zum Ruhm begleitet – nach drei Wochen wechselhafter Ehe erschlug er sie im Rahmen einer aggressionsfördernden Steroidkur am Frühstückstisch, weil sie seine vierzig Frühstückseier nicht vernünftig abgeschreckt hatte. Die zwei Jahre Haft nutzte er im gefängniseigenen Trainingsraum für den kompromisslosen Trizepsaufbau. „Meine besten Jahre!“, wie Edgar bekundete.

Ein vorbildhafter Athlet – aber leider vernachlässigte er sträflich das Beintraining. „Die sind von Natur aus gut bei mir, da muss ich nicht viel machen“, erwiderte er gebetsmühlenartig, wenn ihn einer im Studio auf seine im Verhältnis zum mächtigen Oberkörper viel zu schmale Oberschenkel- und Wadenmuskulatur ansprach, was ihm die Proportionen einer von Uderzo gezeichneten römischen Palastwache aus Asterix verlieh.

Doch alle Kritik prallte an Edgar ab, der Mann war vollends von sich und seiner Ausstrahlung überzeugt. Wenn auf den Crosstrainern eine oder mehrere der Frauen trainierten, die sich nicht dem Hardcore-Bodybuilding verschrieben hatten, sich also noch nicht regelmäßig den Schnurrbart abrasieren mussten, kam er nach dem Workout gerne im bedenklich tief sitzendem Posingslip aus der Umkleide, um im Cardiobereich seine angeblich dort irgendwo vergessene Trainingskladde zu suchen.

Da Edgar Dehnübungen für „Yoga-Müll“ hielt, waren seine Muskeln leicht verkürzt. Infolgedessen riss ihm einmal ausgerechnet beim Bauchtraining mit einem Peitschenknall eine Bizepssehne, auf dem betroffenen Muskel bildete sich sofort ein riesiges, lilafarbenes Hämatom. Edgar überbrückte nach kurzer Überlegung seinen nun schlaff zur Seite herabhängenden Bizeps mit Paketklebeband und Pflanzenstäben vom Balkon seiner Oma, um unverdrossen weiterzutrainieren. Er kam ja auch mit hohem Fieber, eiterndem Blinddarm oder an Heiligabend zum Pumpen. Ein Willensmensch.

Dann standen die Berliner Meisterschaften vor der Tür. Edgar war bisher aus oben genannten Gründen – kein Knast-Freigang und geborstene Bizepssehnen – an der Teilnahme verhindert gewesen. Jetzt wollte er es wissen. In den letzten Wochen hatte er täglich 14 Stunden trainiert. Um infernalisch definiert auszusehen, reduzierte er vor Wettkämpfen sein Körperwasser stets radikal, doch dieses Mal ging er an seine Grenzen. Er benetzte nur einmal stündlich, vor Dehydrierung schwankend, seine Lippen mit einem Schwamm, den er mit drei Tropfen destillierten Wassers besprenkelt hatte. Seine Gesichtshaut mutete an wie Papyrus, der über den Wangenknochen schon brüchig wurde, seine Innereien grummelten wie unmittelbar vor dem multiplen Organversagen. Vorsorglich breiteten wir um ihn herum auf dem Boden Gymnastikmatten aus, schließlich hätte bei einem Sturz seine Haut reißen können. Wir bewunderten ihn still. Was für ein fantastischer Sportler! Leider war er auch noch in einen wahren Bräunungscreme-Exzess verfallen und sah aus wie ein rassistischer Witz.

Am Tag des Wettkampfs fuhren ein Trainingskumpan und ich Edgar im Schritttempo zum Wettkampf. Wir hatten ihn – er war seit Stunden bewusstlos, aber in einem märchenhaften Trainingszustand – auf die Ladefläche seines mit Airbrush-Flammen verzierten Pick-ups gebettet und mit einer LKW-Plane abgedeckt, um ihn vor Aas fressenden Vögeln zu verbergen. Später trugen wir den Ohnmächtigen – sein Puls war kaum mehr spürbar – fertig eingeölt unter dem frenetischen Applaus des Publikums – selbst die Preisrichter erhoben sich klatschend – auf die Bühne, wo wir ihn nach den geforderten Wettkampfposen ausrichteten.

Es war Edgars größter Triumph, er holte den Titel! Noch Monate später – er war mittlerweile von der Intensivstation auf die Innere verlegt worden – schwärmte er von seinem großen Tag. Immer wieder mussten wir ihm berichten, was sich ereignet hatte. Im Nachtschränkchen bewahrte er seine Preise auf: eine große Dose Weight Gainer, die im Fachhandel gut und gerne vierzig Euro kostete, und einen Bademantel mit dem Logo seines Sponsors, eines WC-Lufterfrischers.

„Wenn ich erst wieder laufen kann, bereite ich mich auf die Deutsche Seniorenmeisterschaft vor!“, drang es kaum wahrnehmbar unter seiner Sauerstoffmaske hervor. Wir zweifelten nicht eine Sekunde an seinem bevorstehenden Sieg und ballten solidarisch die schwieligen Fäuste.

—  „Gestraffte Epidermis im Posingslip“, einer meiner frühen Beiträge für den Eulenspiegel, erschienen in Heft 5/15. Mein erster Text im Eulenspiegel hieß und heißt „Die Gnitze in ihrer Funktion als machiavellistischer Bastard“. Er erschien in Ausgabe 6/2014 und ist kaum der Rede wert.