Ein pflaumengroßes Kontaktekzem

02.12.

Als ich meine Frau nach dem Heimkommen gierig auf den Mund küsse und in glühender sexueller Vorfreude (der dritte Freitag im Monat ist seit 1997 unser planmäßiger Koitus-Tag) ihre Pobacken umfasse, stimmt so einiges nicht: Ihr mysteriös verformter, irgendwie schiefer Mund ist dick mit schmierigem Lippenbalsam bedeckt. Einige vereinzelt stehende, borstige Barthaare stechen mich hart oberhalb der Lippen. Und es scheint mir so, als glitten meine keck übergriffigen Hände über die nirgendwo enden wollende Seitenwand einer halb aufgeblasenen Hüpfburg.

»Mama ist zu Besuch«, höre ich meine Frau irgendwo im Raum tonlos sagen.

Das kommt überraschend. Mama stößt mich brutal von sich. Ich falle rücklings über etwas Kleines, erbost Kläffendes. Ohne Zweifel muss es sich dabei um unseren Hund Schlaumeier handeln. Ebenso wie ein Hund, und zwar ein geprügelter, schleiche ich kurz darauf zum Bierholen die Treppen hinunter.

»Dieter, du brauchst ein Brille. Eigentlich schon seit Jahren. Was ist also zu tun? Ich sage es dir gern, du Idiot. Geh zum Augenarzt oder Optiker – und zwar umgehend!«

– So die vorerst letzten Worte meiner Frau. Nachdem ich versehentlich zuerst in den Müll- und dann Waschraum gelaufen bin, stehe ich nun auf dem Gehweg. Im grellen Sonnenlicht des Dezemberabends verschwimmt alles vor meinen Augen. Der Wind bläst in dieser Reihenhausschlucht aber stets zuverlässig von rechts. Wenn ich also hundertzwanzig Schritte mit dem Wind gehe und anschließend zweiundzwanzig nach links, müsste ich folgerichtig zu Edeka gelangen.

Bereits nach vierzig Schritten stürze ich jedoch über einen sperrigen Fremdkörper. »Mein neues BMX!«, höre ich eine jungenhafte Stimme gequält aufschreien. Jugendliche lachen. Eilig taumele ich davon, doch dann erreicht mich schon ein Bombardement aus Kastanien und halbleeren Bierflaschen. Jedenfalls fühlt und hört es sich so an. Edeka kann ich anschließend nicht mehr finden. Die Feuerwehr bringt mich irgendwann heim.

04.12.

»Mein lieber Scholli! Hyperopie und Myopie reichen sich freundschaftlich die Hand. – 4,0 Dioptrien, das ist aber schon eine Hausnummer. Ihre Augäpfel sind fast birnenförmig verformt, links sogar andeutungsweise bananig. Sie sind kurzsichtig und altersweitsichtig zugleich, trotz Ihrer zarten 47. Da brauchen Sie jetzt schleunigst eine Brille.«

So sprach vorhin mein Augenarzt Herr Schneimann – vielleicht war es aber auch seine Vertretung, Frau Dr. Buttner, was weiß denn ich. Auf jeden Fall geleitet beziehungsweise schleift mich nun die Sprechstundenhilfe zum Optiker.

Ob ich überhaupt so eine hochnotpeinliche Sehhilfe möchte, fragt mich niemand. Kontaktlinsen? Ums Verrecken werde ich mir nicht selbst ins Auge fassen. Und ich hasse Brillen! Als Kind trug ich für kurze Zeit ein solches Ding, wurde gehänselt und hatte bald ein pflaumengroßes Kontaktekzem, dort, wo das eiserne Sehgestell auf meiner unschuldigen Kindernase prangte. Wer eine Brille trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Ich will kein zerbrechlich anmutendes Vierauge sein, dem die Brille im Kaffeedampf beschlägt. Männer mit Brille wirken ausnahmslos wie Weicheier, auch wenn die Lügenpropaganda der Augenoptikerinnung gebetsmühlenartig das Gegenteilige behauptet. Trug Dschingis Khan etwa eine Brille? Oder Cassius Clay im Ring?

»Das ist doch alles Titte«, sagt der Optiker. »Ich habe doch auch eine Brille. Da stimmt irgendwas mit Ihrer Selbstwahrnehmung nicht.«

Ich will ihm für seine Frechheit einen Schwinger versetzen, doch ich höre, wie er mit seinem Drehstühlchen wegrollt, offenbar um die Probegläser aus dem Regal zu holen.

07.12.

Anderthalb Wochen soll ich auf die Brille warten. Dann wird ein dumpf mir im Gesicht prangender Fremdkörper der Welt beredt Zeugnis geben von meiner unheilbaren Augenerkrankung.

Als ich Schlaumeier zum Abstuhlen vor das Haus begleite (er kennt den Weg und zieht mich hinter sich her), erschnuppere ich gerade noch das betörende Parfüm einer mir entgegenkommenden Frau bevor ich in sie hineinrenne. Tanz auf dem Vulkan: In einer brisanten Gefühlsvermengung aus Fatalismus, Lebenshass und verzweifelter Geilheit der letzten Tage, in denen man mich als maskulines Wesen wahrnimmt und nicht als halb senilen, asexuellen Harry-Potter-Verschnitt, nutze ich ausgiebig die einmalige Gelegenheit, außerehelich ein Weib zu betasten, das nicht meine Schwiegermutter ist. Wo bekommt man in diesen lebensverneinenden MeToo-Zeiten denn noch etwas umsonst?

Alle Beteuerungen, mein Blindenhund hätte mich falsch geführt, fruchten danach aber nicht, und die Frau entpuppt sich ohnehin als unser langhaariger Nachbar Herr Yildirim. Sicherheitshalber verlasse ich die kommenden Tage nicht mehr das Bett.

17.12.

Nach dem Aufsetzen der Brille kann ich vor Schwindel kaum etwas sehen. Es ist eigentlich genauso wie vorher.

»Zuerst müssen sich die Augen doch an den neuen Umstand gewöhnen, Sie Jammerlappen, weinerlicher«, meint der Optiker.

Immerhin kann ich im Spiegel schon die Umrisse der Brille erkennen. Das pantherhaft schwarze Gestell dürfte mir tatsächlich eine Aura donnernder Maskulinität verleihen. Es ist ein Vintage-Modell. Leider steht auf beiden Bügeln auch in fetten, orangen Lettern »Vintage«. Bei Vintage-Design schreiben die Designer prinzipiell irgendwo »Vintage« oder »Vintage Paris« drauf. Als ich mich ob des störenden Details beschweren möchte, stopft mir der Optiker wortlos ein Brillenputztuch unter den Pulli und schiebt mich zur Tür.

Draußen wird es langsam klar um mich. Ich sehe deutlich, wie ganze Schulklassen vorüberschlurfen, deren Augen unbeirrt auf kleinen Bildschirmen lasten. Das müssen die Smarthandys sein, von denen überall gesprochen wird. In allen Straßen haben sie weiße Klötze mit Eigentumswohnungen hochgezogen. Die Schlecker-Filiale gibt es neuerdings nicht mehr. Viele Männer sehen aus wie eine Frau, die einen Weihnachtsmannbart trägt. In der Wohnung begrüßt mich Schlaumeier an der Tür. Ich staune, ich hatte ihn als Pudel in Erinnerung, tatsächlich handelt es sich aber um einen Dackel. In der Küche sitzt eine Fremde, die ausschaut wie eine ältliche, ziemlich korpulente Schwester meiner Gattin.

»Gar nicht mal so elegant, Dieter. Und ich sehe, ich habe jetzt einen Vintage-Ehemann«, sagt diese mit Blick auf meine Sehhilfe.

Augenblicklich erkenne ich meine Ehefrau an ihrer Gehässigkeit.

»Ich möchte nicht ungerecht erscheinen, aber du entsprichst optisch nicht mehr meinen Vorlieben«, will ich ihr erklären, doch ich gehe lieber zuerst ins Bad und schaue in den Spiegel. Ich stelle fest, dass auch ich keineswegs mehr meinen optischen Vorlieben entspreche. Ich sehe aus wie der teigige Adoptivsohn von Woody Allen und Jürgen Klopp. Mein Schnauzbart ist gelblich verfärbt, obwohl ich nicht rauche und auch niemals die Absicht hatte, einen Schnauzbart zu tragen.

Ich weine ein Weilchen, doch dann rasiere ich mir den Schnauzer ab und gehe zurück in die Küche. Meine Frau reicht mir einen Pott dampfenden Kaffees. Sofort beschlagen meine Gläser.

»Wenn du diese Brille aufhast, siehst du glatt zehn Jahre älter aus«, meint sie. »Du aber leider auch«, antworte ich. Ich lege die Brille zur Seite, und die Welt ist vorerst wieder in Ordnung. Sie nimmt mich an die Hand, damit ich ins Schlafzimmer finde, und wir machen Liebe, dass es kracht.

»Ein pflaumengroßes Kontaktekzem«, erschienen in Eulenspiegel 12/19. Anmerkung: Ich trage weder Brille noch Kontaktlinsen, kann aber beinahe jedes menschliche Elend nachempfinden.

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