Zu Füßen der Metal-Milf (Lost in Wacken)

Seit meinem vierten Lebensjahr bin ich der Berliner Metal-Szene unterwegs. In den letzten Jahren ist sie leider ein wenig vor die Hunde gekommen: Das vom Sänger feierlich rausgekeifte Lied „Fistfucking God´s Ugly Planet“ lädt zu Bosheit, Unzucht, Populismus und sogar zum Verzehr glutenhaltiger Brötchen ein. Styling-Akzente setzt der Bassist – er ist nur mit einem gestürzten Kreuz aus zwei Zaunlatten bekleidet.

Das verwöhnte, übersättigte Großstadtpublikum schläft derweil im Stehen. Nur einmal kommt Bewegung in die Menge, als sich einer nach seinen Autoschlüsseln bückt. Wegen der Eigentumswohnungen zwei Häuser weiter darf die Zimmerlautstärke nicht überschritten werden, dem Drummer wurden vorsorglich alle Felle aus dem Schlagzeug entfernt. Um Punkt 20 Uhr zerschlägt das Ordnungsamt mit einem Nothammer das Mischpult der PA-Anlage und veranlasst die Sicherheitsverwahrung des Tontechnikers. Konzertende.

Schon vor Jahren begriff ich: Wer etwas erleben will, muss dem großstädtischen Tran entkommen. Raus auf eines der gut und gern 6000 Metal-Festivals auf deutschen Äckern und Weiden, wo ausgehungertes Landvolk und von allen Ketten befreite Städter mal ordentlich die Sau melken wollen.

Mein erstes war aber dann gleich ein Schuss in den Ofen, denn es fand überraschend in einer blank gebohnerten Turnhalle statt; Schilder verwiesen auf die Brandenburgische Kommunalverfassung, die Unbefugten das Berühren der Turngeräte untersagte. Es war ein Festival für Progressive-Metal-Fans, und diese mögen Open Air und generell Wetter nicht. Bei den stets kurzhaarigen Anhängern des spielerisch anspruchsvollsten Metal-Untergenres gilt ein bedächtiges Wackeldackelnicken als Ausdruck musikalischer Ekstase. Das Publikum besteht ausschließlich aus Systemadministratoren mit abgebrochenem Mathematikstudium, und nach dem zweiten Bier sagen sie ernst: „Nun ist´s genug, ich muss ja morgen mit dem Auto zurück.“

Viel mehr nach meinem Geschmack war ein Underground-Festival für Black Metal auf der Kuhweide eines geschäftstüchtigen Bauern inmitten eines brandenburgischen Dorfes. Die Einheimischen hatten eine Ahnung, was auf sie zukommen würde und versuchten verzweifelt, die Brücke, die den einzigen Zugang zum Ort darstellte, zu sprengen. Unter lauten Banzai-Rufen gelang es jedoch einer Vorhut japanischer Fans, die Sprengsätze pinkelnd unschädlich zu machen – die Party konnte steigen. Die Kühe des Bauern lagen dann alle nacheinander auf dem Grill. Ich zog meine mitgebrachte vegane Bratwurst aus Lupineneiweiß vor. Es war laut wie auf einer Presslufthämmermesse, ein herrliches Festival. Die Dorfbewohner hatten sich mit ihren Hühnern und Schweinen in den Scheunen und ihren Trockenklos auf den Höfen verbarrikadiert. Einige Neubauten (ein Jahrhunderthochwasser hatte den Leuten sagenhaften Wohlstand gebracht) sackten in sich zusammen, nur die DDR-Eigenheim-Classics EW58 und EW65B hielten dem Getöse der diabolischen Blocksberg-Rhythmen stand.

Zu vorgerückter Stunde bot mir eine verdammt attraktive Endzwanzigerin einen Platz in ihrem Zelt an. Nach dem Vorspiel entpuppte sie sich jedoch als ein 50-jähriger Seniorenpfleger aus Hamburg. Es war schwer, aus der Nummer wieder rauszukommen. Ich bettete mich aber dann im Nieselregen auf eine Europalette hinter einen einschläfernd tuckernden Stromgenerator. Gar nicht so unkommod, aber alle paar Minuten musste ich, wenn sich im Dunkeln einer wankend mit bereits herausgefriemeltem Hosenwurm näherte, brüllen: „Hier nicht, mach hinterm Wurststand!“

Hundertzwanzig Festivalbesuche später war ich bereit: Einmal im Leben muss es Wacken sein, ob man nun will oder ums Verrecken nicht. Das durchkommerzialisierte Mekka der Hartwurst-Jünger, neunzigtausend HeadbangerInnen aus Hannover, Hameln und Hanoi. Ekstatischer ging es bislang nur auf den CSU-Parteitagen unter Strauß zu.

Als ich in Wacken eintraf, hatten die Einwohner in ihren Vorgärten hingebungsvoll aus Bierdosen die Pyramiden von Gizeh errichtet. Das vorbeidefilierende Metalvolk war gerührt. Viele trugen Festivalbändchen bis zum Ellenbogen und sahen aus wie Wolle Petry mit seinen Freundschaftsbändchen, nur nicht so prollig. Fotografen der Nachrichtenmagazine prügelten sich um die besten Plätze. Die meisten Fans wurden gnadenlos aus dem Bild geschubst. Nur wer zum pinken Wikingerhelm eine mit Filzstift bekrakelte Plauze trug, kam für die jährlichen Wacken-Fotostrecken in Frage. Auf dem Festivalgelände waren zu den gewohnten Attraktionen, wie dem bayerischen Biergarten und dem Mad-Max-Wasteland, ein Zentrum für Schwangerschaftsgymnastik, vier Baumärkte und ein Endzeit-Legoland hinzugekommen. Man konnte in drei Tagen seinen Führerschein oder ein Altenpflege-Diplom machen, Reisebüros boten Metal-Kreuzfahrten durch Venedig an.

Zeitgleich spielten immer bis zu acht Bands gegeneinander an. Am Nachmittag trat eine italienische Fantasy-Power-Metal-Band mit Unterstützung der Prager Symphoniker auf. Nebenan toste eine Brutal-Death-Combo aus Milwaukee mit Krokodil am Mikro. Sie wurden souverän übertönt von der auf der True Metal Stage rockenden Schwermetall-Milf Doro, der zwanzigtausend ihrer schnauzbärtigen Anhänger huldigten.
Ich geriet versehentlich ins Sound-Bermudaachteck, wo viele bereits ohnmächtig im Schlamm lagen. Hastig flüchtete ich mich in jenes Konzertzelt, welches eigens für Bands errichtet worden war, die Wacken wegen der ganzen Kommerzkacke verachteten. Als sich gerade eine indonesische Grindcore-Band flankiert von der Wacken-Firefighters-Feuerwehrkapelle in Wallung spielte, wurde ich von einem 160-Kilo-Stagediver am Kopf touchiert.

Ich erwachte in einem der Festival-Rollstühle. Man hatte mir wegen des Hörsturzes freundlicherweise eine Infusion gelegt, und irgendjemand fuhr mich durch die Massen zum Ozzy-Osbourne-Auftritt. Einige Fans hatten die neu verlegte unterirdische Bier-Pipeline angebohrt. In den spiegelnden Bierpfützen glaubte ich in meiner Benommenheit zu erkennen, dass Karl-Theodor zu Guttenberg im akkurat gebügelten AC/DC-Shirt meinen Rollstuhl schob. Als Ozzys Frau Sharon ihren schon fortgeschritten klapprigen Prince of Darkness (die Szene ist in die Jahre gekommen) unter dem Jubel Zehntausender auf die Black Stage verfrachtete, wurde mir abermals schwarz vor Augen.

Ich kam in einem Krankentransporter auf der A24 kurz vor Berlin wieder zu mir, aus dem Autoradio dröhnten Black Sabbath. Sharon hatte mir „Get well soon, you sucker!“ mit Edding quer übers Gesicht geschrieben. Ich beschloss, es nie wieder zu waschen und zählte bereits die Tage bis zum nächsten Wacken!

— „Zu Füßen der Metal-Milf (Lost in Wacken)“,  erschienen in Eulenspiegel 8/17.