Der Fluch der Frühlingsrolle

»Glutamat immel köstlich, Glutamat stets leckel!«, ruft Wang Dong fröhlich nickend zu uns herüber, als er die in Sojasoße ertränkte Ente kräftig nachwürzt. Wang verfügt durchaus über ein R – stattlich wie einst das von Gründgens am Preußischen Staatstheater –, aber er versucht, mit dieser L-Nummer possierlich-harmlos zu wirken, um uns in Sicherheit zu wiegen.

»Ein unerbittlicher Geschäftsmann. Die Chinesen-Mafia zahlt ihm Schutzgeld und nicht umgekehrt«, raunt Herr Kaiser. »Wang wird nicht Ruhe geben, bevor er hier im Center die Leichen der gesamten Konkurrenz in seinen matschigen Frühlingsrollen verarbeitet hat. Wir müssen uns gegen diesen asiatischen Aggressor mit bestialischer Rücksichtslosigkeit behaupten, oder wir können unseren Laden bald dichtmachen!«

Augenblicklich laufen die Geschäfte aber bestens: Die nächste Ladung Kundschaft poltert herein. Sie fallen über ihre prallen Einkaufstüten. Bei Primark ist Aktionswoche: Wintermäntel für acht Euro. Da müssen sie in Myanmar auch in den Kindergärten ran, aber von nichts kommt nichts.

In der Etage unter uns gibt es die Billig-Klamotten, wir servieren das passende Essen dazu. Und der Chef will hoch hinaus! Er hat hübsch geerbt, zwei Jahre bei McDonald’s abgerissen, »zur Inspiration«, um dann unvermittelt zum Angriff überzugehen: Mittlerweile gibt es neben unserer noch zwei weitere Filialen von »Burger Kaiser«. Gewiss, nur eine Kopie des Globalisierungs-Einheitsmampfes, aber reell im Geschmack, nicht sofort tödlich, und wenn der Kunde zwischen Mayo und Salatcreme wählen darf, hat er das Gefühl, er sei Individualist.

Ein seltsamer Mann steht vor mir. Unter einem gewaltigen Afro, dreimal größer als in der gewagtesten 70er-Blaxploitation, trägt er flächendeckend so dick schwarze Schuhcreme im Gesicht, dass sich an seinen Ohrläppchen Farbnasen gebildet haben.

»Möchte bitte Anstellung machen hier. Kaiser Burger gut! Ich fleißig Arbeiter, kann hart ran ganze Uhr. Muss nie schlafen. Machen auch Probejahr umsonst für euch, bitteschön«, spricht er mit festem Blick seiner strahlend blauen Augen. Es ist schon wieder Günter Wallraff, er versucht es bei uns jeden Tag.

»Nein, absolut nein, wir haben Einstellungstopp!«, sage ich mit fester Stimme. Ein kurzes, lauerndes Nicken, und er dampft wortlos ab. Wegen der Gerüchte um die Arbeits- und Hygienezustände bei Kaiser Burger, ist uns der legendäre Enthüllungsjournalist auf der Spur. Mit allen Mitteln will er in unser Allerheiligstes vordringen: die Küche.

»Tolle Maskerade, großartiger Kerl!«, sagt Herr Kaiser. Ja, wir verehren diesen Mann und seine Hartnäckigkeit, aber selbstverständlich darf er ums Verrecken nicht in die Küche gelangen. Die meisten Angestellten schlafen, leben, lieben schließlich dort, da ihre wenigen Freistunden ein Zuhause ohnehin entbehrlich machen. Mittlerweile sind wir auch Ausbildungsbetrieb. Lehrlinge nehmen wir als volle Arbeitskräfte ohne Überstundenentlohnung knallhart ran, das ist die natürliche Auslese – Systemgastronomie ist Krieg.

Eine Woche später.

Zusehends entblättert sich Herrn Wangs grausame Asia-Fratze. Gerade noch servil mit dem Glutamatstreuer um die Kundschaft herumscharwenzelnd, ist er dem Chef gegenüber mit aggressiv artikuliertem R sehr unschön geworden: »Ich weiß, wie Sie Ihre Angestellten behandeln. Sie schlafen sogar in der Küche. Das ist unhygienisch, und Ihr Essen ist scheußlich, es stinkt und vergrätzt unsere Kundschaft.«

Dabei schläft man auch bei Wang Dong am Herd, mir kann er nichts vormachen. Nachts höre ich – meine Matratze liegt direkt an der Wand zu seiner Tofu-Spelunke – seine Kinder und Großeltern weinen. Eben ein »Familienbetrieb«, wie seine Reklametafel verkündet. Zugegeben: Die hygienischen Zustände sind bei uns sicher nicht ideal, besonders der Schimmel ist hartnäckig, aber Herr Kaiser flüsterte erst letztens: »Der menschliche Körper kann was ab. Wir vertrauen auf die Selbstheilungskräfte des Kunden.« Wahrlich kein übler Mensch, der Chef. Er verteilt sogar umsonst Vitamin-D-Tabletten an die Belegschaft, die ja nie an die Sonne kommt. An mir hatte er sofort einen Narren gefressen und mich glatt zu seinem Vize gemacht, mit 0,00003 Prozent Umsatzbeteiligung. Für mich ist das Gedeihen von Kaiser Burger dadurch Mission und Auftrag.

Wallraff stellt sich heute als Teenager vor, der ein Praktikum machen will. Triumph der Maskenbildnerkunst: Der 76-Jährige sieht aus wie ein Endsechziger, doch den Heranwachsenden nehme ich ihm, trotz seines Skateboards unterm Arm, nicht ab. Er trollt sich schweigend.

Einen Monat später.

»Diese McDonald’s-Aasverwerter und Subway-Saubeutel sehen auf der Straße des Erfolgs bald nur noch unsere Rücklichter. Das Kaiser-Burger-Imperium stürmt voran!« Manchmal muss ich den Chef in seinem Enthusiasmus etwas bremsen. Aber der Erfolg gibt ihm recht, der Laden brummt, und nicht allein wegen der Käfer-Kolonie im Salatkühler. Etwaige Widerstände lässt dieser unbeirrbare Willensmensch ohnehin nicht gelten. Er hat auch die kurdische Fritteusenkraft dazu bewegen können, in der Küche zu entbinden, damit sie nicht zu lange blau macht. Eine schöne Abwechslung für die Belegschaft, und sie und ihr Mann haben danach zwei Stunden frei bekommen.

Wang nennt seinen Laden neuerdings »Fu King – Asia-Döner-Hähnchen-Paradies« und hat Döner süß-sauer auf der Karte. Die Türken gegenüber werden allmählich nervös. Nach der Schule wetzen die Bälger direkt zu Primark, kleiden sich mit ihren zehn Euro Taschengeld für den nächsten Monat komplett neu ein (länger halten die Nähte ohnehin nicht) und fallen dann vor Gier schreiend über unsere Fritten und Wangs Asia-Pfanne her. Alle anderen Anbieter haben das Nachsehen.

Mit einem Schwung Sechstklässler kommt heute auch ihr Lehrer ins Restaurant. Die Kinder behandeln ihn jedoch mit verräterischem Respekt, beschimpfen ihn kaum – ergo kann es unmöglich ihr Lehrer sein. Ich zeige Wallraff schweigend die Tür.

Armageddon.

Die Azubis weinen verzweifelt. In einer fatalen Verkettung kataklysmischer Ereignisse sind nach einem rätselhaften Stromausfall nacheinander Eiswürfelmaschine, Räucherpistole und Zwiebelhäcksler kollabiert. Die nicht mehr abzufertigenden Massen drängen von außen brutal nach, drohen die Theke einzudrücken. Sie beginnen, die ausliegenden Ketchup- und Mayo-Tütchen zu plündern, quetschen sich die Inhalte in ihre vom Hunger sauer stinkenden Mäuler. Dann Jubel: Ein Techniker im Overall bahnt sich unerschrocken seinen Weg durch den randalierenden Abschaum. Ich höre Kaiser noch hysterisch flüstern: »Haltet diesen Mann auf!«, doch es ist zu spät – Wallraff stürzt sich mit Pipetten, Laborflaschen, Mikroskop, Kameras, Pauspapier und Notizblöcken in unsere Küche …

Eine Woche später ist Kaiser Burger Gastronomie-Geschichte. Unser ehemaliges Personal wird, von Ärzten und Psychologen betreut, allmählich wieder ans Tageslicht gewöhnt. Herr Kaiser und ich arbeiten jetzt mit großem Elan und tragbaren Fritteusen vor den Bäuchen für Herrn Wang als mobile Frühlingsrollen-Verkäufer hinterm Bahnhof. Wir machen das aber selbstredend nur so lange, bis wir das Geld für die Currywurstbude zusammen haben.

„Der Fluch der Frühlingsrolle“, erschienen in Eulenspiegel 4/19.