Gestraffte Epidermis im Posingslip

„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“, dichtete 1863 Georg Herwegh für das deutsche Proletariat. Des Klassenkampfes ist man jedoch müde geworden. Nicht allein beim Proletariat, auch beim Prekariat ist das edle Bedürfnis erloschen, über einen starken, formschönen, bindegewebsfesten Arm mit ästhetisch gestraffter Epidermis zu verfügen. Ich jedoch, Prekarier der Oberschicht, ging lange Zeit dorthin, wo sich das Schicksal des Mannes erfüllt: zum Bodybuilding. In ein richtiges Studio, wo man sich der Maxime „No pain, no gain!“ mit Schweiß und Schmerz und (nach innen geweinten) Tränen verschrieben hatte.

Dort traf ich auf Edgar. Edgar, 34, trainierte dreimal am Tag drei Stunden, um sich auf die Berliner Meisterschaften der göttlichsten Männerkörper vorzubereiten. Seine Trapezmuskeln standen hoch bis zu den Ohren, seine Oberarme glichen denen eines hyperboreischen Gladiatorenschulleiters. Der Schatten, den seine machtvolle Brustmuskulatur warf, kaschierte locker seine fortgeschrittene Hodenatrophie. Er ernährte sich streng „Low Carb“, zuletzt hatte er im Jahr 1988 Kohlenhydrate gegessen: ein halbes Stück seiner Hochzeitstorte. Seine Ehefrau hatte ihn nur kurz auf seinem Wege zum Ruhm begleitet – nach drei Wochen wechselhafter Ehe erschlug er sie im Rahmen einer aggressionsfördernden Steroidkur am Frühstückstisch, weil sie seine vierzig Frühstückseier nicht vernünftig abgeschreckt hatte. Die zwei Jahre Haft nutzte er im gefängniseigenen Trainingsraum für den kompromisslosen Trizepsaufbau. „Meine besten Jahre!“, wie Edgar bekundete.

Ein vorbildhafter Athlet – aber leider vernachlässigte er sträflich das Beintraining. „Die sind von Natur aus gut bei mir, da muss ich nicht viel machen“, erwiderte er gebetsmühlenartig, wenn ihn einer im Studio auf seine im Verhältnis zum mächtigen Oberkörper viel zu schmale Oberschenkel- und Wadenmuskulatur ansprach, was ihm die Proportionen einer von Uderzo gezeichneten römischen Palastwache aus Asterix verlieh.

Doch alle Kritik prallte an Edgar ab, der Mann war vollends von sich und seiner Ausstrahlung überzeugt. Wenn auf den Crosstrainern eine oder mehrere der Frauen trainierten, die sich nicht dem Hardcore-Bodybuilding verschrieben hatten, sich also noch nicht regelmäßig den Schnurrbart abrasieren mussten, kam er nach dem Workout gerne im bedenklich tief sitzendem Posingslip aus der Umkleide, um im Cardiobereich seine angeblich dort irgendwo vergessene Trainingskladde zu suchen.

Da Edgar Dehnübungen für „Yoga-Müll“ hielt, waren seine Muskeln leicht verkürzt. Infolgedessen riss ihm einmal ausgerechnet beim Bauchtraining mit einem Peitschenknall eine Bizepssehne, auf dem betroffenen Muskel bildete sich sofort ein riesiges, lilafarbenes Hämatom. Edgar überbrückte nach kurzer Überlegung seinen nun schlaff zur Seite herabhängenden Bizeps mit Paketklebeband und Pflanzenstäben vom Balkon seiner Oma, um unverdrossen weiterzutrainieren. Er kam ja auch mit hohem Fieber, eiterndem Blinddarm oder an Heiligabend zum Pumpen. Ein Willensmensch.

Dann standen die Berliner Meisterschaften vor der Tür. Edgar war bisher aus oben genannten Gründen – kein Knast-Freigang und geborstene Bizepssehnen – an der Teilnahme verhindert gewesen. Jetzt wollte er es wissen. In den letzten Wochen hatte er täglich 14 Stunden trainiert. Um infernalisch definiert auszusehen, reduzierte er vor Wettkämpfen sein Körperwasser stets radikal, doch dieses Mal ging er an seine Grenzen. Er benetzte nur einmal stündlich, vor Dehydrierung schwankend, seine Lippen mit einem Schwamm, den er mit drei Tropfen destillierten Wassers besprenkelt hatte. Seine Gesichtshaut mutete an wie Papyrus, der über den Wangenknochen schon brüchig wurde, seine Innereien grummelten wie unmittelbar vor dem multiplen Organversagen. Vorsorglich breiteten wir um ihn herum auf dem Boden Gymnastikmatten aus, schließlich hätte bei einem Sturz seine Haut reißen können. Wir bewunderten ihn still. Was für ein fantastischer Sportler! Leider war er auch noch in einen wahren Bräunungscreme-Exzess verfallen und sah aus wie ein rassistischer Witz.

Am Tag des Wettkampfs fuhren ein Trainingskumpan und ich Edgar im Schritttempo zum Wettkampf. Wir hatten ihn – er war seit Stunden bewusstlos, aber in einem märchenhaften Trainingszustand – auf die Ladefläche seines mit Airbrush-Flammen verzierten Pick-ups gebettet und mit einer LKW-Plane abgedeckt, um ihn vor Aas fressenden Vögeln zu verbergen. Später trugen wir den Ohnmächtigen – sein Puls war kaum mehr spürbar – fertig eingeölt unter dem frenetischen Applaus des Publikums – selbst die Preisrichter erhoben sich klatschend – auf die Bühne, wo wir ihn nach den geforderten Wettkampfposen ausrichteten.

Es war Edgars größter Triumph, er holte den Titel! Noch Monate später – er war mittlerweile von der Intensivstation auf die Innere verlegt worden – schwärmte er von seinem großen Tag. Immer wieder mussten wir ihm berichten, was sich ereignet hatte. Im Nachtschränkchen bewahrte er seine Preise auf: eine große Dose Weight Gainer, die im Fachhandel gut und gerne vierzig Euro kostete, und einen Bademantel mit dem Logo seines Sponsors, eines WC-Lufterfrischers.

„Wenn ich erst wieder laufen kann, bereite ich mich auf die Deutsche Seniorenmeisterschaft vor!“, drang es kaum wahrnehmbar unter seiner Sauerstoffmaske hervor. Wir zweifelten nicht eine Sekunde an seinem bevorstehenden Sieg und ballten solidarisch die schwieligen Fäuste.

—  „Gestraffte Epidermis im Posingslip“, einer meiner frühen Beiträge für den Eulenspiegel, erschienen in Heft 5/15. Mein erster Text im Eulenspiegel hieß und heißt „Die Gnitze in ihrer Funktion als machiavellistischer Bastard“. Er erschien in Ausgabe 6/2014 und ist kaum der Rede wert.