Ein pflaumengroßes Kontaktekzem

02.12.

Als ich meine Frau nach dem Heimkommen gierig auf den Mund küsse und in glühender sexueller Vorfreude (der dritte Freitag im Monat ist seit 1997 unser planmäßiger Koitus-Tag) ihre Pobacken umfasse, stimmt so einiges nicht: Ihr mysteriös verformter, irgendwie schiefer Mund ist dick mit schmierigem Lippenbalsam bedeckt. Einige vereinzelt stehende, borstige Barthaare stechen mich hart oberhalb der Lippen. Und es scheint mir so, als glitten meine keck übergriffigen Hände über die nirgendwo enden wollende Seitenwand einer halb aufgeblasenen Hüpfburg.

»Mama ist zu Besuch«, höre ich meine Frau irgendwo im Raum tonlos sagen.

Das kommt überraschend. Mama stößt mich brutal von sich. Ich falle rücklings über etwas Kleines, erbost Kläffendes. Ohne Zweifel muss es sich dabei um unseren Hund Schlaumeier handeln. Ebenso wie ein Hund, und zwar ein geprügelter, schleiche ich kurz darauf zum Bierholen die Treppen hinunter.

»Dieter, du brauchst ein Brille. Eigentlich schon seit Jahren. Was ist also zu tun? Ich sage es dir gern, du Idiot. Geh zum Augenarzt oder Optiker – und zwar umgehend!«

– So die vorerst letzten Worte meiner Frau. Nachdem ich versehentlich zuerst in den Müll- und dann Waschraum gelaufen bin, stehe ich nun auf dem Gehweg. Im grellen Sonnenlicht des Dezemberabends verschwimmt alles vor meinen Augen. Der Wind bläst in dieser Reihenhausschlucht aber stets zuverlässig von rechts. Wenn ich also hundertzwanzig Schritte mit dem Wind gehe und anschließend zweiundzwanzig nach links, müsste ich folgerichtig zu Edeka gelangen.

Bereits nach vierzig Schritten stürze ich jedoch über einen sperrigen Fremdkörper. »Mein neues BMX!«, höre ich eine jungenhafte Stimme gequält aufschreien. Jugendliche lachen. Eilig taumele ich davon, doch dann erreicht mich schon ein Bombardement aus Kastanien und halbleeren Bierflaschen. Jedenfalls fühlt und hört es sich so an. Edeka kann ich anschließend nicht mehr finden. Die Feuerwehr bringt mich irgendwann heim.

04.12.

»Mein lieber Scholli! Hyperopie und Myopie reichen sich freundschaftlich die Hand. – 4,0 Dioptrien, das ist aber schon eine Hausnummer. Ihre Augäpfel sind fast birnenförmig verformt, links sogar andeutungsweise bananig. Sie sind kurzsichtig und altersweitsichtig zugleich, trotz Ihrer zarten 47. Da brauchen Sie jetzt schleunigst eine Brille.«

So sprach vorhin mein Augenarzt Herr Schneimann – vielleicht war es aber auch seine Vertretung, Frau Dr. Buttner, was weiß denn ich. Auf jeden Fall geleitet beziehungsweise schleift mich nun die Sprechstundenhilfe zum Optiker.

Ob ich überhaupt so eine hochnotpeinliche Sehhilfe möchte, fragt mich niemand. Kontaktlinsen? Ums Verrecken werde ich mir nicht selbst ins Auge fassen. Und ich hasse Brillen! Als Kind trug ich für kurze Zeit ein solches Ding, wurde gehänselt und hatte bald ein pflaumengroßes Kontaktekzem, dort, wo das eiserne Sehgestell auf meiner unschuldigen Kindernase prangte. Wer eine Brille trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Ich will kein zerbrechlich anmutendes Vierauge sein, dem die Brille im Kaffeedampf beschlägt. Männer mit Brille wirken ausnahmslos wie Weicheier, auch wenn die Lügenpropaganda der Augenoptikerinnung gebetsmühlenartig das Gegenteilige behauptet. Trug Dschingis Khan etwa eine Brille? Oder Cassius Clay im Ring?

»Das ist doch alles Titte«, sagt der Optiker. »Ich habe doch auch eine Brille. Da stimmt irgendwas mit Ihrer Selbstwahrnehmung nicht.«

Ich will ihm für seine Frechheit einen Schwinger versetzen, doch ich höre, wie er mit seinem Drehstühlchen wegrollt, offenbar um die Probegläser aus dem Regal zu holen.

07.12.

Anderthalb Wochen soll ich auf die Brille warten. Dann wird ein dumpf mir im Gesicht prangender Fremdkörper der Welt beredt Zeugnis geben von meiner unheilbaren Augenerkrankung.

Als ich Schlaumeier zum Abstuhlen vor das Haus begleite (er kennt den Weg und zieht mich hinter sich her), erschnuppere ich gerade noch das betörende Parfüm einer mir entgegenkommenden Frau bevor ich in sie hineinrenne. Tanz auf dem Vulkan: In einer brisanten Gefühlsvermengung aus Fatalismus, Lebenshass und verzweifelter Geilheit der letzten Tage, in denen man mich als maskulines Wesen wahrnimmt und nicht als halb senilen, asexuellen Harry-Potter-Verschnitt, nutze ich ausgiebig die einmalige Gelegenheit, außerehelich ein Weib zu betasten, das nicht meine Schwiegermutter ist. Wo bekommt man in diesen lebensverneinenden MeToo-Zeiten denn noch etwas umsonst?

Alle Beteuerungen, mein Blindenhund hätte mich falsch geführt, fruchten danach aber nicht, und die Frau entpuppt sich ohnehin als unser langhaariger Nachbar Herr Yildirim. Sicherheitshalber verlasse ich die kommenden Tage nicht mehr das Bett.

17.12.

Nach dem Aufsetzen der Brille kann ich vor Schwindel kaum etwas sehen. Es ist eigentlich genauso wie vorher.

»Zuerst müssen sich die Augen doch an den neuen Umstand gewöhnen, Sie Jammerlappen, weinerlicher«, meint der Optiker.

Immerhin kann ich im Spiegel schon die Umrisse der Brille erkennen. Das pantherhaft schwarze Gestell dürfte mir tatsächlich eine Aura donnernder Maskulinität verleihen. Es ist ein Vintage-Modell. Leider steht auf beiden Bügeln auch in fetten, orangen Lettern »Vintage«. Bei Vintage-Design schreiben die Designer prinzipiell irgendwo »Vintage« oder »Vintage Paris« drauf. Als ich mich ob des störenden Details beschweren möchte, stopft mir der Optiker wortlos ein Brillenputztuch unter den Pulli und schiebt mich zur Tür.

Draußen wird es langsam klar um mich. Ich sehe deutlich, wie ganze Schulklassen vorüberschlurfen, deren Augen unbeirrt auf kleinen Bildschirmen lasten. Das müssen die Smarthandys sein, von denen überall gesprochen wird. In allen Straßen haben sie weiße Klötze mit Eigentumswohnungen hochgezogen. Die Schlecker-Filiale gibt es neuerdings nicht mehr. Viele Männer sehen aus wie eine Frau, die einen Weihnachtsmannbart trägt. In der Wohnung begrüßt mich Schlaumeier an der Tür. Ich staune, ich hatte ihn als Pudel in Erinnerung, tatsächlich handelt es sich aber um einen Dackel. In der Küche sitzt eine Fremde, die ausschaut wie eine ältliche, ziemlich korpulente Schwester meiner Gattin.

»Gar nicht mal so elegant, Dieter. Und ich sehe, ich habe jetzt einen Vintage-Ehemann«, sagt diese mit Blick auf meine Sehhilfe.

Augenblicklich erkenne ich meine Ehefrau an ihrer Gehässigkeit.

»Ich möchte nicht ungerecht erscheinen, aber du entsprichst optisch nicht mehr meinen Vorlieben«, will ich ihr erklären, doch ich gehe lieber zuerst ins Bad und schaue in den Spiegel. Ich stelle fest, dass auch ich keineswegs mehr meinen optischen Vorlieben entspreche. Ich sehe aus wie der teigige Adoptivsohn von Woody Allen und Jürgen Klopp. Mein Schnauzbart ist gelblich verfärbt, obwohl ich nicht rauche und auch niemals die Absicht hatte, einen Schnauzbart zu tragen.

Ich weine ein Weilchen, doch dann rasiere ich mir den Schnauzer ab und gehe zurück in die Küche. Meine Frau reicht mir einen Pott dampfenden Kaffees. Sofort beschlagen meine Gläser.

»Wenn du diese Brille aufhast, siehst du glatt zehn Jahre älter aus«, meint sie. »Du aber leider auch«, antworte ich. Ich lege die Brille zur Seite, und die Welt ist vorerst wieder in Ordnung. Sie nimmt mich an die Hand, damit ich ins Schlafzimmer finde, und wir machen Liebe, dass es kracht.

»Ein pflaumengroßes Kontaktekzem«, erschienen in Eulenspiegel 12/19. Anmerkung: Ich trage weder Brille noch Kontaktlinsen, kann aber beinahe jedes menschliche Elend nachempfinden.

Unterm Strich super

Superhelden – für die einen der Inbegriff der Coolness, für andere spinnerte Ausgeburten einer US-Unterhaltungsindustrie im Überbietungswahn. Doch wer sind schon die Avengers, Super- und Aquaman in ihrer niederschmetternden Mittelmäßigkeit gegen den mächtigen Megaloman, größter Superheld aller Zeiten, der uns hier erstmals imponierende Einblicke in seinen Superalltag gewährt.

17.07.

Endlich fliegen sie die Models ein. Der Helikopter weht Sand auf die Treppen vor dem Schlossportal. Ausdrücklich hatte es ja auch Landeplatz drei geheißen, nicht zwei. Im Nu erscheinen vierzig Bedienstete mit Besen und Reinigungsmaschinen, um mir den Anblick der versandeten Stufen nicht länger als nötig zuzumuten.

Ein Routinetag liegt hinter mir. Ich habe den Nahostkonflikt gelöst, Iron Man beim Entrümpeln seiner Garage geholfen, mir aber auch, als ich das Nordmeer vom Plastik befreite, einen Superschnupfen eingefangen.

Der Anblick der bestbezahlten Supermodels der Welt – karge Hüften, leichte Schatten unter den Augen – ist jedoch überhaupt nicht super und setzt meinem wohlverdienten Superhelden-Feierabend endgültig die Kackekrone auf. Mein resignativer Seufzer ist bis zu den Luftschiff-Hangars zu hören, doch die Frauen weinen bei meinem herrlichen Anblick vor Glück, und ich denke, für die eine Nacht wird es schon irgendwie gehen.

18.07.

Frühstück mit dem Papst auf den Südterrassen. Die Sommerhitze bollert bereits. Da ich außer dem Megaloman-Umhang nur eine Unterhose trage, ist es aber auszuhalten.

Der Papst leidet unter seiner Soutane. Schweißtropfen rinnen unter seinem Scheitelkäppchen hervor, fallen auf sein Honig-Croissant. Es ist bereits sein fünftes, und wir sprechen hier von supergroßen Croissants. Im Pool-Paradiesgarten fühlt er sich in seinem Ungetüm von Badehose, das ihm fast bis zu den Knien reicht, wohler. Seine Begleiter, einige Kurienkardinäle, jauchzen im Nichtschwimmerbecken.

»Ich muss ein ernstes Wort an dich richten, mein Sohn«, blickt er mich nach seinem dritten Caipirinha eindringlich an. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Unklar, ob vom Rauch seiner Havanna oder vor Betroffenheit. »Ich sage dir was, die Beinahe-Einäscherung Notre-Dames, das war kein braver, rauchender Bauarbeiter oder beherzter Islamist. Da steht eine andere, gewaltige Kraft dahinter!«

»Etwa der Antichrist?«, raune ich.

»Nein, mit Sicherheit noch weit gerissener!« Bedeutungsschwanger kippt er seinen Doornkaat hinunter, und ich habe etwas zum Nachdenken.

20.07.

Mein privater Superhochgeschwindigkeitszug wartet bereits. Es ist eine holprige Fahrt, weil die Angehörigen einer neuen religiösen Bewegung, die mich mythisch verehrt, die unangenehme Angewohnheit haben, sich in Scharen demütig vor meinen Zug zu werfen. Bei dem Gewackel kann ich die SMS der Bundeskanzlerin kaum lesen. Ich verfluche meine Supertechniker und ihre Unfähigkeit, die Federung zu verbessern.

»Sie müssen helfen, Herr Megaloman, schauen Sie sich den Schlamassel an!« Angela Merkel empfängt mich mit festem Händedruck. Wir stehen auf dem Alexanderplatz inmitten eines Gewusels aus Polizei, Feuerwehr und Räumtrupps. Der Fernsehturm ist in der Mitte abgeknickt und hat das Rote Rathaus unter sich begraben. Zehn Meter hoch türmen sich die Leichensäcke. »Glücklicherweise fast ausschließlich Touristen«, sagt der Polizeipräsident.

Sobald die Menschen mich erblicken, jubeln zwischen den staubigen Trümmern die Massen. Als sich meine gleißende Bauchmuskulatur in vollem Umfang unter meinem Superheldenhemd abzeichnet, stöhnt die Verteidigungsministerin gequält auf vor sexueller Anspannung. Ihr bricht der Schweiß aus, und ich muss an den schwitzenden Papst denken und an Notre-Dame, wodurch sich in superluminarer Geschwindigkeit die Neuronen in meinem Hochleistungshirn zu einer Supererkenntnis vertäuen: »Eine finstere Macht verübt Anschläge auf die bedeutendsten Bauwerke Europas. Das ist unverantwortlich und auch gefährlich!«

Ich genieße die Staunemünder, doch dann steuert ein strahlender Hotdog-Verkäufer auf uns zu, der Merkel und mir offenbar eine Freiwurst auszugeben gedenkt. Die Kanzlerin blickt verzückt, während ich mit flatterndem Umhang unverzüglich das Weite suche.

21.07.

Jemand hat die Tower Bridge in die Seine (nicht die Themse!) gestürzt und das Atomium in Brüssel atomisiert. »Was tut Megaloman?«, klagen die Medien weinerlich. Antwort: Ich bleibe im Bett, blättere in der Superillu und kuriere endlich den fürchterlichen Schnupfen aus.

22.07.

Ist es mein Erzfeind Spekulantor, der die Gebäude zunichtemacht, um auf dem gewonnenen Baugrund seine »Mikro-Apartment-Schmuckstücke« für 7000 pro Quadratmeter verhökern zu können? Es ist aber ein Ding der Unmöglichkeit, beim Mittagessen über diese rätselhafte Anschlagsserie zu sinnieren, während mich Scarlett Johansson und Natalie Portman abwechselnd mit ihren Heiratsanträgen terrorisieren. Irgendwann renne ich, mir die Ohren zuhaltend, schreiend weg, um superangepisst alle bolivianischen Drogenkartelle zu zerschlagen.

23.07.

Heute hat es Rom getroffen: Das Kolosseum ist nur mehr eine Ruine! Kurzentschlossen lasse ich mich in meiner Mars-Rakete rüberschießen, lande aber, da meine Techniker allesamt Superversager sind, mit einem Riesenplatsch im Trevi-Brunnen. Die Frauen und etliche Männer kreischen verzückt, als ich in meinen nassen, superengen Leggings dem Wasser entsteige. Scherzhaft spanne ich die Gesäßmuskulatur steinhart an. Viele sinken zu Boden, als eine gnädige Ohnmacht sie aus ihrer schmerzlichen Lust erlöst.

Im Kolosseum muss ich feststellen, dass vom äußeren Ring der monumentalen, viergeschossigen Fassade nur noch die nördliche Hälfte erhalten ist. Wer tut so etwas Entsetzliches?

»Ich war es!«, ruft da einer von den obersten Rängen in die ruinöse Kulisse.

Der Papst! Ich hatte es geahnt.

»Warum all die Zerstörung, all die Toten, Heiliger Vater?«

»Die Leute sollen in die Kirche gehen und nicht dämliche Fernsehtürme betrachten. Und wenn ich sie reihenweise massakriere, gehen sie wieder in die Kirche, um dafür zu beten, dass es andere erwischt und nicht sie selbst. Ich meine es nur gut mit den Menschen.«

»Aha.« Das ist immerhin von zwingender Superbösewicht-Logik. »Aber weshalb dann auch die Kirche Notre-Dame?«

»Das war ich ja gar nicht. Das war nur ein dämlicher Bauarbeiter.«

»Und warum nur Bauwerke Europas?«

»Ich denke eurozentrisch.«

Das macht durchaus irgendwie Sinn. »Aber Sie wissen schon, Heiliger Vater, dass ich gegen Sie nun volles Rohr Karate einsetzen muss? Dies ist meine heilige Superheldenpflicht.«

»Ich werd dir was mit heilig!« Ein Wink, und seine Kurienkardinäle stürmen zähnefletschend in Titan-Exoskelett-Kampfanzügen die Arena. In ihrer Mitte schwingt mein Erzfeind Spekulantor (ich wusste es!) eine Lavapeitsche, die mich zerpeitschen kann wie Butter. Zu allem Übel bewirft mich der Papst frohlockend von oben herab mit Röstzwiebeln. Augenblicklich schwinden meine Kräfte. Was für Superman das Kryptonit, sind für mich nämlich – das hätte ich vorher vielleicht schon mal erwähnen sollen – Röstzwiebeln (daher auch die Flucht vor dem Hotdog-Verkäufer in Berlin).

Der Kampf ist lang und brutal, kann hier aber aus Platzgründen und mit Rücksicht auf die sozialethische Orientierung Minderjähriger keineswegs wiedergegeben werden. Auf jeden Fall habe ich den Papst danach nie wieder zum Frühstück eingeladen.

»Unterm Strich super«, erschienen in Eulenspiegel 7/19. Foto: alter Schnappschuss meiner Wenigkeit.

Zu Füßen der Metal-Milf (Lost in Wacken)

Seit meinem vierten Lebensjahr bin ich der Berliner Metal-Szene unterwegs. In den letzten Jahren ist sie leider ein wenig vor die Hunde gekommen: Das vom Sänger feierlich rausgekeifte Lied „Fistfucking God´s Ugly Planet“ lädt zu Bosheit, Unzucht, Populismus und sogar zum Verzehr glutenhaltiger Brötchen ein. Styling-Akzente setzt der Bassist – er ist nur mit einem gestürzten Kreuz aus zwei Zaunlatten bekleidet.

Das verwöhnte, übersättigte Großstadtpublikum schläft derweil im Stehen. Nur einmal kommt Bewegung in die Menge, als sich einer nach seinen Autoschlüsseln bückt. Wegen der Eigentumswohnungen zwei Häuser weiter darf die Zimmerlautstärke nicht überschritten werden, dem Drummer wurden vorsorglich alle Felle aus dem Schlagzeug entfernt. Um Punkt 20 Uhr zerschlägt das Ordnungsamt mit einem Nothammer das Mischpult der PA-Anlage und veranlasst die Sicherheitsverwahrung des Tontechnikers. Konzertende.

Schon vor Jahren begriff ich: Wer etwas erleben will, muss dem großstädtischen Tran entkommen. Raus auf eines der gut und gern 6000 Metal-Festivals auf deutschen Äckern und Weiden, wo ausgehungertes Landvolk und von allen Ketten befreite Städter mal ordentlich die Sau melken wollen.

Mein erstes war aber dann gleich ein Schuss in den Ofen, denn es fand überraschend in einer blank gebohnerten Turnhalle statt; Schilder verwiesen auf die Brandenburgische Kommunalverfassung, die Unbefugten das Berühren der Turngeräte untersagte. Es war ein Festival für Progressive-Metal-Fans, und diese mögen Open Air und generell Wetter nicht. Bei den stets kurzhaarigen Anhängern des spielerisch anspruchsvollsten Metal-Untergenres gilt ein bedächtiges Wackeldackelnicken als Ausdruck musikalischer Ekstase. Das Publikum besteht ausschließlich aus Systemadministratoren mit abgebrochenem Mathematikstudium, und nach dem zweiten Bier sagen sie ernst: „Nun ist´s genug, ich muss ja morgen mit dem Auto zurück.“

Viel mehr nach meinem Geschmack war ein Underground-Festival für Black Metal auf der Kuhweide eines geschäftstüchtigen Bauern inmitten eines brandenburgischen Dorfes. Die Einheimischen hatten eine Ahnung, was auf sie zukommen würde und versuchten verzweifelt, die Brücke, die den einzigen Zugang zum Ort darstellte, zu sprengen. Unter lauten Banzai-Rufen gelang es jedoch einer Vorhut japanischer Fans, die Sprengsätze pinkelnd unschädlich zu machen – die Party konnte steigen. Die Kühe des Bauern lagen dann alle nacheinander auf dem Grill. Ich zog meine mitgebrachte vegane Bratwurst aus Lupineneiweiß vor. Es war laut wie auf einer Presslufthämmermesse, ein herrliches Festival. Die Dorfbewohner hatten sich mit ihren Hühnern und Schweinen in den Scheunen und ihren Trockenklos auf den Höfen verbarrikadiert. Einige Neubauten (ein Jahrhunderthochwasser hatte den Leuten sagenhaften Wohlstand gebracht) sackten in sich zusammen, nur die DDR-Eigenheim-Classics EW58 und EW65B hielten dem Getöse der diabolischen Blocksberg-Rhythmen stand.

Zu vorgerückter Stunde bot mir eine verdammt attraktive Endzwanzigerin einen Platz in ihrem Zelt an. Nach dem Vorspiel entpuppte sie sich jedoch als ein 50-jähriger Seniorenpfleger aus Hamburg. Es war schwer, aus der Nummer wieder rauszukommen. Ich bettete mich aber dann im Nieselregen auf eine Europalette hinter einen einschläfernd tuckernden Stromgenerator. Gar nicht so unkommod, aber alle paar Minuten musste ich, wenn sich im Dunkeln einer wankend mit bereits herausgefriemeltem Hosenwurm näherte, brüllen: „Hier nicht, mach hinterm Wurststand!“

Hundertzwanzig Festivalbesuche später war ich bereit: Einmal im Leben muss es Wacken sein, ob man nun will oder ums Verrecken nicht. Das durchkommerzialisierte Mekka der Hartwurst-Jünger, neunzigtausend HeadbangerInnen aus Hannover, Hameln und Hanoi. Ekstatischer ging es bislang nur auf den CSU-Parteitagen unter Strauß zu.

Als ich in Wacken eintraf, hatten die Einwohner in ihren Vorgärten hingebungsvoll aus Bierdosen die Pyramiden von Gizeh errichtet. Das vorbeidefilierende Metalvolk war gerührt. Viele trugen Festivalbändchen bis zum Ellenbogen und sahen aus wie Wolle Petry mit seinen Freundschaftsbändchen, nur nicht so prollig. Fotografen der Nachrichtenmagazine prügelten sich um die besten Plätze. Die meisten Fans wurden gnadenlos aus dem Bild geschubst. Nur wer zum pinken Wikingerhelm eine mit Filzstift bekrakelte Plauze trug, kam für die jährlichen Wacken-Fotostrecken in Frage. Auf dem Festivalgelände waren zu den gewohnten Attraktionen, wie dem bayerischen Biergarten und dem Mad-Max-Wasteland, ein Zentrum für Schwangerschaftsgymnastik, vier Baumärkte und ein Endzeit-Legoland hinzugekommen. Man konnte in drei Tagen seinen Führerschein oder ein Altenpflege-Diplom machen, Reisebüros boten Metal-Kreuzfahrten durch Venedig an.

Zeitgleich spielten immer bis zu acht Bands gegeneinander an. Am Nachmittag trat eine italienische Fantasy-Power-Metal-Band mit Unterstützung der Prager Symphoniker auf. Nebenan toste eine Brutal-Death-Combo aus Milwaukee mit Krokodil am Mikro. Sie wurden souverän übertönt von der auf der True Metal Stage rockenden Schwermetall-Milf Doro, der zwanzigtausend ihrer schnauzbärtigen Anhänger huldigten.
Ich geriet versehentlich ins Sound-Bermudaachteck, wo viele bereits ohnmächtig im Schlamm lagen. Hastig flüchtete ich mich in jenes Konzertzelt, welches eigens für Bands errichtet worden war, die Wacken wegen der ganzen Kommerzkacke verachteten. Als sich gerade eine indonesische Grindcore-Band flankiert von der Wacken-Firefighters-Feuerwehrkapelle in Wallung spielte, wurde ich von einem 160-Kilo-Stagediver am Kopf touchiert.

Ich erwachte in einem der Festival-Rollstühle. Man hatte mir wegen des Hörsturzes freundlicherweise eine Infusion gelegt, und irgendjemand fuhr mich durch die Massen zum Ozzy-Osbourne-Auftritt. Einige Fans hatten die neu verlegte unterirdische Bier-Pipeline angebohrt. In den spiegelnden Bierpfützen glaubte ich in meiner Benommenheit zu erkennen, dass Karl-Theodor zu Guttenberg im akkurat gebügelten AC/DC-Shirt meinen Rollstuhl schob. Als Ozzys Frau Sharon ihren schon fortgeschritten klapprigen Prince of Darkness (die Szene ist in die Jahre gekommen) unter dem Jubel Zehntausender auf die Black Stage verfrachtete, wurde mir abermals schwarz vor Augen.

Ich kam in einem Krankentransporter auf der A24 kurz vor Berlin wieder zu mir, aus dem Autoradio dröhnten Black Sabbath. Sharon hatte mir „Get well soon, you sucker!“ mit Edding quer übers Gesicht geschrieben. Ich beschloss, es nie wieder zu waschen und zählte bereits die Tage bis zum nächsten Wacken!

— „Zu Füßen der Metal-Milf (Lost in Wacken)“,  erschienen in Eulenspiegel 8/17.