Unterm Strich super

Superhelden – für die einen der Inbegriff der Coolness, für andere spinnerte Ausgeburten einer US-Unterhaltungsindustrie im Überbietungswahn. Doch wer sind schon die Avengers, Super- und Aquaman in ihrer niederschmetternden Mittelmäßigkeit gegen den mächtigen Megaloman, größter Superheld aller Zeiten, der uns hier erstmals imponierende Einblicke in seinen Superalltag gewährt.

17.07.

Endlich fliegen sie die Models ein. Der Helikopter weht Sand auf die Treppen vor dem Schlossportal. Ausdrücklich hatte es ja auch Landeplatz drei geheißen, nicht zwei. Im Nu erscheinen vierzig Bedienstete mit Besen und Reinigungsmaschinen, um mir den Anblick der versandeten Stufen nicht länger als nötig zuzumuten.

Ein Routinetag liegt hinter mir. Ich habe den Nahostkonflikt gelöst, Iron Man beim Entrümpeln seiner Garage geholfen, mir aber auch, als ich das Nordmeer vom Plastik befreite, einen Superschnupfen eingefangen.

Der Anblick der bestbezahlten Supermodels der Welt – karge Hüften, leichte Schatten unter den Augen – ist jedoch überhaupt nicht super und setzt meinem wohlverdienten Superhelden-Feierabend endgültig die Kackekrone auf. Mein resignativer Seufzer ist bis zu den Luftschiff-Hangars zu hören, doch die Frauen weinen bei meinem herrlichen Anblick vor Glück, und ich denke, für die eine Nacht wird es schon irgendwie gehen.

18.07.

Frühstück mit dem Papst auf den Südterrassen. Die Sommerhitze bollert bereits. Da ich außer dem Megaloman-Umhang nur eine Unterhose trage, ist es aber auszuhalten.

Der Papst leidet unter seiner Soutane. Schweißtropfen rinnen unter seinem Scheitelkäppchen hervor, fallen auf sein Honig-Croissant. Es ist bereits sein fünftes, und wir sprechen hier von supergroßen Croissants. Im Pool-Paradiesgarten fühlt er sich in seinem Ungetüm von Badehose, das ihm fast bis zu den Knien reicht, wohler. Seine Begleiter, einige Kurienkardinäle, jauchzen im Nichtschwimmerbecken.

»Ich muss ein ernstes Wort an dich richten, mein Sohn«, blickt er mich nach seinem dritten Caipirinha eindringlich an. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Unklar, ob vom Rauch seiner Havanna oder vor Betroffenheit. »Ich sage dir was, die Beinahe-Einäscherung Notre-Dames, das war kein braver, rauchender Bauarbeiter oder beherzter Islamist. Da steht eine andere, gewaltige Kraft dahinter!«

»Etwa der Antichrist?«, raune ich.

»Nein, mit Sicherheit noch weit gerissener!« Bedeutungsschwanger kippt er seinen Doornkaat hinunter, und ich habe etwas zum Nachdenken.

20.07.

Mein privater Superhochgeschwindigkeitszug wartet bereits. Es ist eine holprige Fahrt, weil die Angehörigen einer neuen religiösen Bewegung, die mich mythisch verehrt, die unangenehme Angewohnheit haben, sich in Scharen demütig vor meinen Zug zu werfen. Bei dem Gewackel kann ich die SMS der Bundeskanzlerin kaum lesen. Ich verfluche meine Supertechniker und ihre Unfähigkeit, die Federung zu verbessern.

»Sie müssen helfen, Herr Megaloman, schauen Sie sich den Schlamassel an!« Angela Merkel empfängt mich mit festem Händedruck. Wir stehen auf dem Alexanderplatz inmitten eines Gewusels aus Polizei, Feuerwehr und Räumtrupps. Der Fernsehturm ist in der Mitte abgeknickt und hat das Rote Rathaus unter sich begraben. Zehn Meter hoch türmen sich die Leichensäcke. »Glücklicherweise fast ausschließlich Touristen«, sagt der Polizeipräsident.

Sobald die Menschen mich erblicken, jubeln zwischen den staubigen Trümmern die Massen. Als sich meine gleißende Bauchmuskulatur in vollem Umfang unter meinem Superheldenhemd abzeichnet, stöhnt die Verteidigungsministerin gequält auf vor sexueller Anspannung. Ihr bricht der Schweiß aus, und ich muss an den schwitzenden Papst denken und an Notre-Dame, wodurch sich in superluminarer Geschwindigkeit die Neuronen in meinem Hochleistungshirn zu einer Supererkenntnis vertäuen: »Eine finstere Macht verübt Anschläge auf die bedeutendsten Bauwerke Europas. Das ist unverantwortlich und auch gefährlich!«

Ich genieße die Staunemünder, doch dann steuert ein strahlender Hotdog-Verkäufer auf uns zu, der Merkel und mir offenbar eine Freiwurst auszugeben gedenkt. Die Kanzlerin blickt verzückt, während ich mit flatterndem Umhang unverzüglich das Weite suche.

21.07.

Jemand hat die Tower Bridge in die Seine (nicht die Themse!) gestürzt und das Atomium in Brüssel atomisiert. »Was tut Megaloman?«, klagen die Medien weinerlich. Antwort: Ich bleibe im Bett, blättere in der Superillu und kuriere endlich den fürchterlichen Schnupfen aus.

22.07.

Ist es mein Erzfeind Spekulantor, der die Gebäude zunichtemacht, um auf dem gewonnenen Baugrund seine »Mikro-Apartment-Schmuckstücke« für 7000 pro Quadratmeter verhökern zu können? Es ist aber ein Ding der Unmöglichkeit, beim Mittagessen über diese rätselhafte Anschlagsserie zu sinnieren, während mich Scarlett Johansson und Natalie Portman abwechselnd mit ihren Heiratsanträgen terrorisieren. Irgendwann renne ich, mir die Ohren zuhaltend, schreiend weg, um superangepisst alle bolivianischen Drogenkartelle zu zerschlagen.

23.07.

Heute hat es Rom getroffen: Das Kolosseum ist nur mehr eine Ruine! Kurzentschlossen lasse ich mich in meiner Mars-Rakete rüberschießen, lande aber, da meine Techniker allesamt Superversager sind, mit einem Riesenplatsch im Trevi-Brunnen. Die Frauen und etliche Männer kreischen verzückt, als ich in meinen nassen, superengen Leggings dem Wasser entsteige. Scherzhaft spanne ich die Gesäßmuskulatur steinhart an. Viele sinken zu Boden, als eine gnädige Ohnmacht sie aus ihrer schmerzlichen Lust erlöst.

Im Kolosseum muss ich feststellen, dass vom äußeren Ring der monumentalen, viergeschossigen Fassade nur noch die nördliche Hälfte erhalten ist. Wer tut so etwas Entsetzliches?

»Ich war es!«, ruft da einer von den obersten Rängen in die ruinöse Kulisse.

Der Papst! Ich hatte es geahnt.

»Warum all die Zerstörung, all die Toten, Heiliger Vater?«

»Die Leute sollen in die Kirche gehen und nicht dämliche Fernsehtürme betrachten. Und wenn ich sie reihenweise massakriere, gehen sie wieder in die Kirche, um dafür zu beten, dass es andere erwischt und nicht sie selbst. Ich meine es nur gut mit den Menschen.«

»Aha.« Das ist immerhin von zwingender Superbösewicht-Logik. »Aber weshalb dann auch die Kirche Notre-Dame?«

»Das war ich ja gar nicht. Das war nur ein dämlicher Bauarbeiter.«

»Und warum nur Bauwerke Europas?«

»Ich denke eurozentrisch.«

Das macht durchaus irgendwie Sinn. »Aber Sie wissen schon, Heiliger Vater, dass ich gegen Sie nun volles Rohr Karate einsetzen muss? Dies ist meine heilige Superheldenpflicht.«

»Ich werd dir was mit heilig!« Ein Wink, und seine Kurienkardinäle stürmen zähnefletschend in Titan-Exoskelett-Kampfanzügen die Arena. In ihrer Mitte schwingt mein Erzfeind Spekulantor (ich wusste es!) eine Lavapeitsche, die mich zerpeitschen kann wie Butter. Zu allem Übel bewirft mich der Papst frohlockend von oben herab mit Röstzwiebeln. Augenblicklich schwinden meine Kräfte. Was für Superman das Kryptonit, sind für mich nämlich – das hätte ich vorher vielleicht schon mal erwähnen sollen – Röstzwiebeln (daher auch die Flucht vor dem Hotdog-Verkäufer in Berlin).

Der Kampf ist lang und brutal, kann hier aber aus Platzgründen und mit Rücksicht auf die sozialethische Orientierung Minderjähriger keineswegs wiedergegeben werden. Auf jeden Fall habe ich den Papst danach nie wieder zum Frühstück eingeladen.

»Unterm Strich super«, erschienen in Eulenspiegel 7/19. Foto: alter Schnappschuss meiner Wenigkeit.

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